Black Sails: Kritik zu Staffel 2 (ohne Spoiler)

Thomas Neumeier 15. April 2015 2
Black Sails: Kritik zu Staffel 2 (ohne Spoiler)

Die Unkenrufe waren laut, als Starz 2013 bekannt gab, nach dem blutigen Gladiatoren-Spektakel Spartacus mit BLACK SAILS nun auf eine Piratenserie zu setzen. Noch dazu eine, welche die (ganz bestimmt langweilige) Vorgeschichte von Robert Louis Stevensons allbekannten Roman „Die Schatzinsel“ erzählt. Glaubten doch viele schon zu wissen, worauf die Serie hinauslaufen wird: Viel Blut und viel nackte Haut, dafür wenig Geschichte. Doch wo die Spartacus-Serie ein paar Folgen gebraucht hat, um die Kritiker verstummen zu lassen, und zwischen exzessiver Gewalt und Sexszenen ein großartiges Charakterdrama erkennen ließ, entfaltet BLACK SAILS seine Qualität schon sehr früh.

Zugegeben, die allererste Folge lässt noch nicht allzu tiefsinnige und feingezeichnete Figuren erahnen, aber dafür verzaubert die Serie von Anfang an mit seinen Kulissen. Handlungsmittelpunkt ist die Pirate Bay von Nassau auf den Bahamas. Gedreht wurde überwiegend in Südafrika. Die Farben deutlich zurückgenommen, anders als bei der prominent besetzten aber kurzlebigen Konkurrenzserie Crossbones von NBC, versetzt sie den Zuschauer vom ersten Moment an in die karibische Schwüle zwischen brennend heißem Sand, schattigen Palmen und beißendem Salzwasser unter einer erbarmungslosen Sonne. Und wer dranbleibt, bekommt dazu eine intensive Geschichte serviert. Die Unkenrufe verstummten damals recht schnell und auch die Zuschauerzahlen waren zufriedenstellend. Eine zweite Staffel mit zehn Folgen wurde in Auftrag gegeben – und um das vorweg zu nehmen: Es wird auch eine dritte Staffel geben. Alles andere wäre auch ein Frevel.

Staffel 2 knüpft nahtlos an den Cliffhanger der ersten Staffel an und erweitert den bekannten Kosmos rund um Nassau und New Providence Island. Charlestown wird im weiteren Verlauf der Geschichte eine wichtige Rolle spielen, aber auch das London des frühen achtzehnten Jahrhunderts. In Rückblenden erfährt der Zuschauer von Captain Flints (Toby Stephens) früherer und offensichtlich gescheiterten Karriere bei der Royal Navy. Vermutet man zunächst, diese Rückblenden dienen nur dazu, den Charakter und die Motive Flints tiefer zu beleuchten, führen die Ereignisse der letzten paar Folgen den gesamten Storybogen zu einem umwerfenden Plottwist, der zahlreiche Fragen beantwortet, die Dinge neu ordnet und etliche frühere Szenen in einem neuen Licht erscheinen lässt. Mehr sei dazu an dieser Stelle nicht verraten, denn das wäre Hochverrat und würde mit dem Galgen bestraft.

Viel Screentime und mehr Charaktertiefe bekommt nun auch Charles Vane (Zach McGowan). Blieb er in der ersten Staffel eine undurchschaubare und kaum greifbare Randerscheinung mit stets distanziertem Mienenspiel, werden nun auch seine Motive und Handlungsweisen schärfer umrissen und entfalten Stück um Stück einen wahren Kill-of-a-character. Ein Mann, kaum weniger interessant als Flint. Diese Feinabstimmung kann man im Grunde auf sämtliche Figuren ausweiten. Neben einer grandios in Szene gesetzen Abenteuerserie ist BLACK SAILS vor allem ein Charakterdrama. Unvorhersehbare Finten und Storytwists verblüffen ein ums andere Mal. Allianzen zerbrechen, neue werden geschmiedet, und als Zuschauer ist man hin und hergerissen, inwieweit man für wen Partei ergreifen kann.

Dass die bekannten Ereignisse aus dem Roman (nicht zuletzt durch zahlreiche frühere Verfilmungen) vermeintlich viel zu viel vorwegnehmen und BLACK SAILS damit Freiraum zum Storytelling nimmt, hat sich nicht bewahrheitet. Auch der intensive Miteinbezug historischer Freibeuter wie Charles Vane, Jack Rackham, Anne Bonny, Ned Low und Benjamin Hornigold hat sich nicht als Hemmnis, sondern als Glücksfall erwiesen. Viele schillernde Charaktere, die bei aller gemeinsamen Interessen doch erstrangig Konkurrenten sind und die Geschichte ordentlich aufmischen.

Ein erstklassiker Cast und großes Storytelling vor bombastischer Kulisse lassen mich ungeduldig auf die nächste Staffel warten. Neben Game of Thrones derzeit derfinitiv mein Serien-Highlight.

4.5 / 5 stars
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  • Eskapist

    Eine mutige Kritik. Ich gönne dir die Begeisterung.
    Ich muss zugeben, als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal von der Produktion der Serie las – und dann auch das wunderbare Poster sah – konnte ich es kaum erwarten. Aber nach den ersten drei Folgen war ich doch ziemlich enttäuscht. Einige Handlungsstränge sind doch sehr dem Element Sex geschuldet und dienen vor allem dazu, Zeit zu schinden. Denn die eigentliche Handlung bekommt recht wenig Screentime, und auch zehn Folgen müssen erst mal gefüllt werden. Da man sich bei Charakteren und Dialogen wenig Mühe machte (sie entsprechen immerhin der Vorlage von Stephenson), mussten eben die Mädels den Rest liefern. Ich bleibe der Serie treu, weil es die einzige Chance ist, dem Piratenthema noch irgend eine Unterstützung mitzugeben, es gibt auch dankenswerterweise immer ein Rätsel, das genügend Spannung liefert um dabeizubleiben, aber mal ehrlich: Träumen wir nicht alle davon, dass HBO uns mal eine Piratenserie produziert?