GUNDA (2020): Kritik. Heilige Kreaturen, spektakulär inszeniert.

Philipp Schmidt 21. April 2021 0
GUNDA (2020): Kritik. Heilige Kreaturen, spektakulär inszeniert.

Ganz schön viel Hollywood – und ein Starensemble?

Paul Thomas Anderson (zuletzt PHANTOM THREAD (2017)) sagt über GUNDA, den neuen Film von Viktor Kosakovskyi, es handele sich um „Kino pur“. Produzent ist Joaquín Phoenix (als JOKER 2018) oscarprämiert. Das Filmplakat erinnert an jenes Hollywood, das THE ARTIST (2011) ehrte und bei den anstehenden Oscars 2021 steht der Film auf den Shortlists. Da rechnet man mit doch mit Glamour! Seit seiner Premiere bei der Berlinale 2020 sorgte GUNDA auch schon für reichlich Furore. Wer also sind die Darsteller? Auf dem Plakat stehen – abgesehen vom Produzenten – keine prominenten Namen. Nur „GUNDA“ ist da in großen weißen Buchstaben zu lesen. Und der Kopf, dessen Silhouette darauf zu sehen ist? Gehört einem Schwein! Genauer gesagt: einer Sau – der Titel-Sau „Gunda“. Wer jetzt eine romantische Bauernhof-Geschichte wie EIN SCHWEINCHEN NAMENS BABE (1995) erwartet, wird von GUNDA ganz ohne erhobenen Zeigefinger eines Besseren belehrt …

Altbekannte Unbekannte oder: Die Exotik des Alltäglichen

GUNDA ist ein echter Tierfilm. Menschen tauchen nicht auf. Es gibt keine Erzählerin und keinen Erzähler. Zu hören sind nur Umgebungsgeräusche verschiedener Bauernhöfe in Europa, auf denen Kosakovskyi GUNDA gedreht hat: Vogelgezwitscher, Windrauschen, Wasserplätschern und die Laute der Akteure. Die Akteure – das sind in Viktor Kosakovskyis Film (imdb.com führt ihn als „Documentary“) die titelgebende Sau, ihr Wurf Ferkel, einige Hühner und Kühe.

Schwein, Huhn & Kuh: Kosakovskyi richtet den Blick auf diese wichtigsten „Nutztiere“ der Industriegesellschaften – auf jene Spezies also, die wie keine anderen von unserem Konsum beansprucht werden. Fleisch-, Milch-, Eier-, Lederprodukte und so weiter sind allgegenwärtig – was man von den Geschöpfen, denen wir sie zu verdanken haben, nicht gerade behaupten kann.

Anders als unzählige Kino- und TV-Dokumentationen nicht erst seit Erwin Wagenhofers WE FEED THE WORLD (2005) oder Nikolaus Geyerhalters UNSER TÄGLICH BROT (2005) demonstriert GUNDA aber nicht unseren verschwenderischen und brutalen Umgang mit diesen Tieren. Die Schweine, Hühner und Rinder, denen sich Kosakovskyi nähert, leben in wünschenswert artgerechter Haltung. Mitunter entsteht sogar der Eindruck, man habe es mit Tieren in freier Wildbahn zu tun. Menschen sind allenfalls zu erahnen: wenn etwa ein Traktor in Nahaufnahme auftaucht. Die stilsicheren Schwarz-Weiß-Aufnahmen der heimischen Nutztiere würde man eher im Zusammenhang mit exotischen Wildtieren erwarten. Unsere Nutztiere sind meist nüchtern und problematisiert in Szene gesetzt. Dadurch wird die gewohnte Unterscheidung zum „erhabenen“ Wildtier nur gestärkt. Nutztiere wollen wir Aufgeklärten zwar nicht quälen, vielleicht besser aber auch überhaupt nicht mehr sehen. Hier, in Kosakovskyis Film, ist das anders: Denn es entsteht ein seltsam fremdartiger Eindruck der vermeintlich vertrauten Geschöpfe und man fragt sich: Kennen wir sie eigentlich, diese millionenfach unserem Konsum geopferten Wesen.

Angedeutete Mikro-Geschichten

Kosakovskyi erzählt mit GUNDA eine „Saison“ auf Bauernhöfen, die mit einem Wurf Ferkel beginnt. Von Beginn an gelingt es ihm, ohne Voice-Over oder Texteinblendungen Geschichten und Zusammenhänge zwischen den Tieren herzustellen: Ein Schwenk reicht, um die Abseitigkeit eines lahmenden Ferkels von der Gruppe anzudeuten. Diese Mikro-Narrationen sind mitunter extrem emotional: wenn zum Beispiel dieses Ferkel versucht, sich trotz Verletzung in der Gruppe zu behaupten. Wer hier kein Mitleid empfindet, sollte meldepflichtig sein.

Durch die Montage werden die Tiere als soziale Wesen porträtiert und Konstellationen unter ihnen aufgezeigt. Es kann kein Zweifel aufkommen: Die Tiere nehmen ihre Umwelt feinfühlig wahr und sorgen füreinander. So sehen wir in Nahaufnahme zunächst eine von unzähligen Fliegen gepeinigte Kuh. Hilflos blinzelnd versucht sie, die Insekten in ihrem Auge zu verjagen. Dann beobachten wir die Wiederkäuer beim erfolglosen Versuch, die Plagegeister mit wackelnden Ohren loszuwerden. Schließlich helfen die Kühe sich mit Teamwork: Flanke an Flanke, in entgegengesetzter Richtung, wedeln sie sich mit dem Schwanz die Fliegen gegenseitig aus dem Gesicht.

Heilige Kreaturen – spektakulär inszeniert

Viktor Kosakovskyi betrachtet die Tiere in GUNDA nicht mit distanziert-wissenschaftlichem Blick. Er setzt sie nach allen Regeln der Filmkunst in Szene und lässt sie für sich sprechen. Er bringt uns den Tieren ganz nah und erleichtert die Projektion unserer Perspektive auf sie: In Nahaufnahmen blicken wir tief in die Augen der Tiere und es scheint zwangsläufig, als dächten sie nach. Man kann nicht anders, als sich zu fragen, was in ihnen vorgeht. Wir sehen die Tiere, wie sie Hunger und Durst stillen, miteinander spielen, gähnen und Zeit mit Nichts-Tun verbringen.  In einer köstlichen Szene sehen wir die Sau Gunda, wie sie sich tiefenentspannt im Schlamm suhlt. Noch halb dösend erhebt sie sich und taumelt gegen einen Stromzaun. Jäh fährt sie zusammen und heult auf. Wir werden zwar nie wissen, wie es ist, ein Schwein zu sein oder als Schwein einen Stromschlag zu bekommen. Aber hier spricht alles dafür, dass diese Tiere wie wir Schmerz empfinden und wie wir versuchen, ihn zu vermeiden.

Kosakovskyi macht seine tierischen Akteure zu den Helden einer bildgewaltigen Erzählung und inszeniert sie spektakulär: Close-Ups der Hühnerbeine im hohen Gras geben diesen oft geschundenen Kreaturen Anmut und Würde zurück. Kamerafahrten in Zeitlupe und eng am Boden folgen dem Geflügel auf Erkundungstour: Die Tiere scheinen jeden Schritt mit Bedacht zu wählen. Einer kleinen Herde Rinder werden die Stalltore geöffnet und wir folgen ihnen im Tiefflug beim freudigen Galopp über saftige Weiden. Das alles ist Huldigung, Heiligsprechung und nicht immer ohne Kitsch oder Pathos. Seltsamerweise ergibt sich durch die starke Inszenierung aber ein Gefühl hoher Authentizität und ein klarer Blick auf die Tiere und ihr Verhalten.

Leerstellen zu füllen – und wenig Interpretationsspielraum

Die Geschichten, die Viktor Kosakovskyi uns über Schweine, Hühner und Kühe erzählt, sind voller Leerstellen und offener Fragen: Verlassen die verwundeten, teils halbnackten Hühner zum allerersten Mal ihre Käfige? Stammen ihre Wunden aus den Legebatterien? Wie viele Ferkel eines Wurfs überleben und wie alt sind sie, wenn sie geschlachtet werden? Das alles bleibt offen und viel von der Realität unserer Nutztiere wird ausgeklammert: zum Beispiel, dass der größte Teil der weltweit gehaltenen Nutztiere unter weniger artgerechten Bedingungen lebt als Gunda, oder dass die große Mehrheit von ihnen auf dem Weg von der Geburt bis auf die Teller dieser Welt unsäglich leidet. Durch die Absenz aller Schrecken macht Kosakovskyi sie umso präsenter. Und er lässt mit diesem bemerkenswerten Kunstgriff und bei allen Leerstellen nur wenig Interpretationsspielraum, was seine Haltung zu den Dingen angeht.

Fazit: Ein Film, der zu Haltung zwingt

Im 2004 erschienenen Essay „Am Beispiel des Hummers“ beschreibt der 2008 verstorbene US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace seinen Besuch des „Maine Lobster Festivals“, bei dem jedes Jahr Unmengen von Hummern bei lebendigem Leib gekocht und verspeist werden. Dabei geht es ihm nicht darum, das Töten oder Essen von Tieren „am Beispiel des Hummers“ zu verurteilen. Foster Wallace fragt in seinem Text aber nach der Basis, auf der selbstverständlich angenommen wird, das alles sei moralisch einwandfrei. Er zeigt, wie das gängige Verständnis von Tieren geprägt sein kann von egoistischem Interesse daran, die Kreaturen zu Genusszwecken ohne schlechtes Gewissen vielleicht zu quälen: „Eigentlich weiß jeder, was ein Hummer ist. Aber wie so oft ist das Wissen über dieses Lebewesen damit nicht erschöpft, sondern verrät vielmehr die Interessenlage des Wissenden.“ Um das Thema von GUNDA auf den Punkt zu bringen, ist in obigem Zitat eigentlich nur „Hummer“ durch „Schwein“, „Huhn“ oder „Kuh“ zu ersetzen. Denn im Verlauf von Viktor Kosakovskyis berührendem Film lernt man Tiere, die man bestens zu kennen glaubte, ganz neu kennen.

Im Fall von Titel-„Figur“ Gunda lernen wir, wie sich so eine Sau gegenüber ihren Ferkeln verhält und wie sich dieses Verhalten in dem Maße verändert, in dem die Jungtiere heranwachsen. Am dramatischen Höhepunkt verändert sich das Verhalten von Gunda so deutlich, dass man seine Vernunft arg verbiegen müsste, um darin nicht Schock, Schmerz und Trauer zu sehen. Kosakovskyi legt all das mit präzisem und aufmerksamem Blick offen. Er verfügt über das filmische Vokabular, um so subtile wie eindringliche Geschichten zu erzählen – ganz ohne sprachliche Erklärungen. Ihm ist ein eindrucksvoller Tierfilm im eigentlichen Sinn gelungen, der ohne erhobenen Zeigefinger mahnt. Die Tiere sprechen für sich.  Es ist an uns, unseren Konsum und unseren Umgang mit ihnen angesichts dessen aufrichtig zu bewerten.

GUNDA soll mit corona-bedingter Verspätung am 25. April 2021 in die deutschen Kinos kommen. Aktuell ist das aber leider zu bezweifeln.

Beitragsbild & Video (c) Filmwelt Verleihagentur.

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