Freud (2020) Kritik zur Serie: „Siggi“ dreht durch

Philipp Schmidt 11. April 2020 0
Freud (2020) Kritik zur Serie: „Siggi“ dreht durch

Wien, 1886: Der junge Arzt Sigmund Freud (Robert Finster) steht unter Druck. Er ist pleite, mit der Miete in Verzug und die Karriere stagniert: Seine Ausbilder und Kollegen wollen nichts von der Methode wissen, die er auf einer Studienreise beim großen französischen Neurologen Charcot kennengelernt hat – von der Hypnose. Unbeugsamer Wille, faule Tricks und jede Menge Kokain halten ihn aber auf Kurs. Sein Ziel: nichts weniger als die Erschütterung der wissenschaftlichen Welt.

In der ersten Koproduktion von Netflix und dem ORF erzählen Regisseur Marvin Kren (für 4 Blocks unter anderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet) und seine Co-Autoren von der turbulenten Selbstfindung des so einflussreichen wie umstrittenen Denkers. Aus mehreren Erzählsträngen entsteht ein Panorama der untergehenden Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

Historische und/oder biographische Genauigkeit sollte man davon nicht erwarten. Im Kern ist Freud ein Mystery-Thriller: „Siggi“, wie Freud von seinen Freunden genannt wird, begegnet bei einer okkulten Séance der schönen Fleur Salomé (Ella Rumpf). Sie scheint unter dem Bann ihrer Mutter (Anja Kling) zu stehen – einer Hexenfigur, die Menschen durch Hypnose manipuliert und mit Flüchen belegt. Fleur sagt einflussreichen Gästen die Zukunft vorher. Als es zu einer Serie unheimlicher Morde kommt, entdeckt Freud, dass Fleur nicht nur auf seine Methode der Hypnose anspricht. Sie sieht in Trance auch Dinge, die niemand sehen darf. Schnell sind die beiden – unterstützt vom kriegstraumatisierten Polizei-Inspektor Alfred Kiss (eindrucksvoll: Georg Friedrich) – in einen Konflikt verwickelt, der bis zu Kaiser Franz Josef (Johannes Krisch) reicht.

In acht etwa 45-minütigen Etappen nimmt Marvin Kren uns mit auf einen wilden Ritt. Die Folgen sind dabei einschlägig benannt : Hysterie – Trauma – Somnambul – Totem & Tabu – Trieb – Regression – Katharsis und Verdrängung.

Audiovisuell vergaloppiert er sich dabei nicht: Freud ist stilsicher inszeniert. Der Gegensatz „bewusst/unbewusst“ spiegelt sich in Kontrasten von Licht und Schatten beziehungsweise Oberfläche und Innenleben (insbesondere sehenswert: die Intro-Sequenzen). „Ich bin ein Haus. In mir ist es dunkel.“ Man kennt diese Leit-Analogie bei Freud. Passenderweise spielt sich die Handlung oft in dunklen, spärlich ausgeleuchteten Innenräumen ab.

Die Musik ist minimalistisch und wirksam: Wir hören oft rohe, schrille Töne von überspannten Saiten verstimmter Instrumente. Dass es bei Freud immer um den Druck geht, den Verdrängtes erzeugt, zeigt sich auch am Sound: Durch alle acht Folgen ziehen sich Geräusche von Menschen und Dingen unter Spannung: zum Zerreißen gestreckte Glieder, knackende Gelenke und Dielen, die unter der getragenen Last quietschen.

Natürlich lässt Kren dabei allerhand Spuren für Referenzen-Jäger zurück. Ein Beispiel: Auf die eingangs erwähnte Séance wird Freud von Kumpel Arthur Schnitzler (Noah Saavedra) geschleppt. Das ist der Schnitzler, dessen Traumnovelle einen gewissen Stanley Kubrick zu Eyes Wide Shut (1999) inspiriert hat. Dort taucht Tom Cruise als Anwalt auf Abwegen fast genauso als ungeladener Gast auf einer Orgie auf wie Robert Finster in der Folge „Trieb“. Die Orgie hier verweist dann unmittelbar an den Look von Luca Guadagnino und dessen Suspiria-Remake von 2018.

Zurück zu Marvin Krens Ritt (der – wie gesagt – selten über historische und biografische Pfade führt): Das alles ist mit gewissen Scheuklappen durchaus unterhaltsam. Wer hat schon gesagt, dass eine fiktionale Serie diesbezüglich präzise sein muss? Es ist amüsant, wie Kren nicht davor zurückschreckt, österreichische National-Statuen wie Franz Josef und Kronprinz Rudolf in fast slapstick-artige Szenen zu verwickeln.

Dann aber gibt es Dinge, wo Scheuklappen nicht mehr reichen und vor denen man die Augen verschließen muss, um unterhalten zu bleiben: Es hat etwas von Uri Geller, wenn Freud auf Berührung und mit dem Schlagwort „Schlaf!“ die Leute ins künstliche Koma schickt. Er tut zur Heilung nicht mehr, als Patienten mit Nachdruck auf verdrängte Vergangenheiten hinzuweisen. Und „Zack!“ ist die Stimme zurück und bewegt sich der lahme Finger am Abzug wieder. Zum Teil sind da auch haarsträubende, ganz banale Continuity-Probleme. Kostprobe: Die kampf- und leiderprobte Figur Kiss (musste im Krieg Gefangene hinrichten; kennt also Schuldgefühle usw.) kippt beim Anblick eines Selbstmörders fast aus den Latschen, sieht ihr Weltbild bröckeln und fragt in Wiener Schmäh: „Warum mocht döa sowos?“ Come on!

Trotzdem stellt Georg Friedrichs Inspektor Kiss die eindringlichste Figur dar, wobei Robert Finster als Freud und Ella Rumpf als Fleur durchaus auch überzeugen. An Kiss wird sichtbar, dass sich Marvin Kren mit dem Psycho- und Mystery-Crime-Kitsch verreitet. Gebraucht hätte es das nicht. Kiss zeigt, worum es in Freud in erster Linie hätte gehen können: um die Gebeutelten, die es im 19. Jahrhundert ebenso wie heute gab. Kiss ist ein vom Krieg und vom Ehr-Begriff Traumatisierter und seine Verletzungen lassen ihn nicht los. In einer der stärksten Szenen lauscht Kiss unter Kindern in seiner Stube seinem als Weihnachtsmann verkleideten Kollegen. Als der den Kindern „Böses“ androht, sollten sie „nicht brav“ sein, ist Kiss (der Erwachsene) bis ins Mark erschrocken: Dieser Kerl hat Angst vor sich selbst und dem, zu was er imstande war. Das ist beängstigend genug.

Fazit

Spannend wäre gewesen, mehr Licht auf den Kampf um die Erforschung und Heilung der „Seele“ im 19. Jahrhundert zu werfen: einerseits die „Kliniker“ um „Siggis“ Lehrer Theodor Meynert (mit auffällig angeklebtem Bart: Rainer Bock), auf der anderen Seite die „Analytiker“, zu denen Freud gehört – jene Vorfahren der heutigen Psychologie, die sich mit Mühe gegen esoterische und okkulte Milieus abgrenzen mussten. Man sieht zu wenig von den schauerlichen Methoden, die die Schulpsychiatrie erst falsifizieren musste. In einer Szene werden Patienten mit „künstlichem Fieber“ behandelt. Dazu sperrte man sie tagelang in Dampfbäder, um die Körpertemperatur ins Fiebrige zu steigern. So hoffte man, ihnen die „hysterischen Flausen“ auszutreiben.

Mit der Mystery-Crime-Horror-Story im Zentrum gibt sich Freud stattdessen alten Klischees hin: In den Tiefen Osteuropas wirken Dämonen und Hexen, die Menschen mit Flüchen belegen und in somnambule Sklaven verwandeln. Dabei hätte es diesen Kitsch nicht gebraucht. Was sich abzeichnet, sind weitere Staffeln, in denen ein Sherlock Holmes-artiger „Siggi“ Freud auf Verbrecher- und (innere) Dämonenjagd gehen darf. Hoffen wir, dass die Macher dann weniger Kitsch walten lassen und sich stärker auf das Potenzial ihres Stoffs konzentrieren.

Freud ist bei Netflix verfügbar (1 Staffel, 8 Folgen).

Beitragsbild & Video (c) SATEL Film GmbH/Bavaria Fiction GmbH/ORF.