Filmkritik: Wolverine – Weg des Kriegers (2013)

Martin 18. November 2013 0

Der Film beginnt mit dem amerikanischen Atombombenabwurf in der Nähe Japans, der uns aufzeigt, dass selbst Massenvernichtungswaffen Wolverine nichts anhaben können. Immerhin fühlt er den Schmerz und trägt Verbrennungen davon, ist aber nach ein paar Sekunden Regeneration körperlich im Top-Zustand und wie aus dem Ei gepellt. Während sein Rücken kurzzeitig entflammt wird, rettet er den japanischen Soldaten Yashida, der seinerseits im Angesicht der bevorstehenden Katastrophe Gefangene aus dem Lager befreit. Erstaunt über die Fähigkeiten nennt er den Amerikaner „Kuzufi“, ein Monster.

Filmemacher und Comicautoren wissen, dass Superhelden, die nicht nur gegenüber übernatürlichen Kräften anfällig sind, sondern auch „normale“ Einwirkungen spüren können, interessanter sind, weil sie mehr zu verlieren haben, darunter ihr eigenes Leben. Der hier dargebotene Ansatz kann in dieser Hinsicht als clever eingeordnet werden, denn Wolverine gibt im Laufe des Films ein Teil seiner Fähigkeiten ab. Er blutet nach Schüssen und selbst Rasurwunden verheilen nicht mehr – der Kontrast zum am Anfang eingeführten Bild eines Atombombenüberlebenden könnte größer nicht sein.

Das Hauptthema, das durch den Film hinweg adressiert wird, ist der Tod. Yashida, nun ein alter Mann, möchte seinem früheren Lebensretter danken und schickt eine seiner Mitarbeiterinnen, Yukio, auf die Suche nach ihm, um ihn nach Tokio zu bringen. Sie wird fündig. Wolverine ist inzwischen ein „caveman“, abgeschnitten von der Gesellschaft, der sein Leben scheinbar ziellos verbringt. Yoshida erkennt das Dilemma, indem er in Tokio zu Wolverine sagt: „A man can run out of things to live for“. Er eröffnet ihm den wahren Grund des Besuchs: Er hat das Ziel vor Augen, sein inzwischen errichtetes und in der Vergangenheit überaus erfolgreiches Industriekonglomerat weiterzuführen und schlägt deshalb vor, dass Wolverine seine Unsterblich- und Unverletzlichkeit ihm überträgen möge, was dieser aber ablehnt. Im Anschluss an diese Absage will er die Firma nicht seinem Sohn, Shingen, überlassen, sondern dessen Tochter, Mariko, die er für geeigneter hält.

Das Thema der nicht vorhandenen Mortalität wurde unter anderem auch in dem 2011 erschienenen Film „In Time“ angeschnitten, in dem einige wenige Privilegierte ein Dasein unzähliger Lebensjahre fristeten bzw. diese sich von den weniger Privilegierten stahlen. Die Folgen dieser langen Lebenszeit und die mögliche Überdrüssigkeit des Lebens wird in diesem wie auch im vorliegenden Film jedoch nur oberflächlich behandelt. Es ist hier eher der Anlass, dass sich der Superheld in ein neues Abenteuer stürzt. Wolverine scheint erst nach der Bemerkung Yukios, dass sie den Tod voraussehen könne, an einem Treffen mit Yoshida interessiert. Was die Fähigkeit der Todesvoraussage für die junge asiatische Prophetin bedeutet, wird fast nicht ausgeführt. Das Hauptmerkmal des Charakters Yukio scheint in dem Film vor allem darin zu bestehen, für Wolverine das zu sein oder zu werden, was Robin für Batman ist.

Bemerkenswert ist, dass die Hauptakteure, neben Wolverine, fast ausschließlich Frauen sind. Diese bestimmen nicht nur seine Träume, sondern auch seinen Wachzustand. Sie sind in dem Film gut und böse. Traum und Wirklichkeit scheinen im Hintergrund der anziehenden Lichter des filmisch gut vermittelten Tokios (mit Pachinko-Spielhallen und „love hotels“) zu verschwimmen und nehmen gegenseitig Einfluss aufeinander. Jean, Wolverines verstorbene Geliebte, spricht in den Träumen über seine Probleme im Hier und Jetzt, warnt ihn sogar einmal vor den Schergen Shingens bzw. Noburos, Marikos Verlobten, auf einem Hotelbalkon. In einer anderen Szene fragt Mariko, wer denn diese Frau aus seinen Träumen sei. Ich habe mich gefragt: Redet Wolverine im Schlaf? Solche und andere Unstimmigkeiten trübten für mich etwas den Filmgenuss. An anderer Stelle sagt Wolverine über Noburo „He seems like kind of an asshole“, obwohl er ihn nur einmal gesehen hat. Oder wie konnte Yashida so lange überleben, obwohl er, zwar geschützt durch Metall, einer Atombombe ausgesetzt war?

Der Film ist grob in drei Akte geteilt: (1) Die Reise nach Tokio, die Begegnung mit Yoshida und die Zeremonie, (2) die Flucht Wolverines mit Mariko und die Zeit, die sie abseits Tokios verbringen und (3) den Abschluss-Akt. Insbesondere im zweiten Teil weist der Film Längen auf und verliert sich in Anspielungen auf „Kuzufi“, Traumsequenzen und dem Unsterblichkeitsdilemma, ohne diese Thematiken aber zu tief auszuführen. Interessant ist hier vor allem, dass Wolverine vielleicht einen neuen Lebenssinn – Liebe? – findet und die Frage, wie sich das auf seinen Zustand bzw. seine vielleicht vorhandene Todessehnsucht auswirken wird. Dieser in der Länge, aber nicht thematisch ausführlich dargestellte Aspekt wird im 3. Akt jedoch nicht aufgegriffen, sondern fast verworfen. Die Antagonisten und Yukio spielen in dem Mittelteil fast keine Rolle und treten kaum in Erscheinung. So fühlt sich dieser doch im Ansatz interessante Charakterentwickungsteil spätestens nach Ende des Films als etwas zu lang an. Es drängt sich der Eindruck eines nicht ganz optimalen „Flusses“ und einer Richtungslosigkeit auf, die erst mit Beginn des actionreichen dritten Teils aufgegeben werden.

Die Action-Szenen waren für ein auf das breite Publikum ausgerichteten Film gut inszeniert, auch wenn Liebhaber asiatischer Filme mitunter größere körperliche Schwere und längere Schnitte gewohnt sind. Ein Beispiel dafür, wie oder warum zuviel CGI nicht genutzt werden sollte, bietet die Szene auf dem Schnellzug, auf dem Wolverine gegen Yakuza-Mitglieder kämpft. Die Szene sah durch die übertriebene Geschwindigkeit und die in Sekundenbruchteilen immer wieder aufkommenden Hindernisse dermaßen nach einem Videospiel aus, dass ich zu keiner Zeit das Gefühl hatte, einen echten Ritt bzw. Kampf auf einem Zug zu sehen. Zum Vergleich sollte man sich einmal einen ähnlichen, aber echten Stunt, mit Sean Connery in dem Film „Der große Eisenbahnraub“ („The Great Train Robbery“) von 1978 anschauen, der trotz des geringeren Tempos der Lok eine unmittelbar größere Gefahr, auch ohne Gegner auf dem Zug, darstellt, weil man der Szene nämlich ansieht, dass sie real ist bzw. die Illusion davon vermittelt.

Dass Hugh Jackman mehr kann, zeigte er u. a. schon in „The Fountain“ oder auch zuletzt in „Les Misérables“. Routiniert spielt er Wolverine und zeigt das, was er muss, denn mehr braucht er auch gar nicht. Denn abseits des großen körperlichen Konflikts und der daraus erwachsenen Probleme ist Wolverine vor allem eins: Grimmig. Und wenn es sein muss (oder auch nicht), wendet er eben Gewalt an. Er ist für mich deshalb ein tendenziell eher langweiliger, weil eindimensionaler Charakter. Der weibliche Bösewicht, Viper, gespielt von Svetlana Khodchenkova, erinnerte mich leicht an Michelle Pfeiffers Catwoman-Darstellung aus dem Jahr 1992 und hatte deshalb einen gewissen anziehenden Charme. Ich hätte mich über mehr Zeit für diesen Charakter in dem Film gefreut. Der Rest der Darsteller(-innen) zeigt gute Leistungen, insbesondere die Newcomerin Rila Fukushima, die Yukio zwischen Steampunk und traditionellem Kimono durch ihren starken Ausdruck und ihr markantes Gesicht gekonnt verkörpert und einen ganz anderes Flair verbreitet als die dritte Frau im Bunde, Mariko, gespielt von Tao Okamoto.

FAZIT

Das Ende von Wolverine: Weg des Kriegers schließt mit einem Twist ab, der aufgrund einiger Vorbemerkungen und Szenen keiner mehr ist. Das muss nicht schlecht sein und ist es meiner Meinung hier auch nicht, wenn man das bis dahin Gezeigte noch mal Revue passieren lässt. Insgesamt wurde ich gut unterhalten, auch wenn das „Pacing“ nicht optimal war und die Bedeutung der Unsterblichkeitsthematik nur oberflächlich angegangen wurde. Ein Running-Gag scheint zu sein, dass die Art und bzw. oder die Zeit der Todes-Vorhersagen, die Yukio im Laufe des Films abgibt, nicht einzutreffen scheinen. Zweimal irrt sie sich, davon kann einmal als Sonderfall eingestuft werden. Ob die dritte stimmt, wird man in einem kommenden cineastischen Machwerk sehen. Diese Vorhersage scheint angesicht des immernoch anhaltenden Superhelden-Film-Booms und der Szene nach dem Abspann nämlich so gut wie sicher. 3/5

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