John Wick (2015): Kritik zum neuen Action-Film mit Keanu Reeves

Martin 4. Februar 2015 0
John Wick (2015): Kritik zum neuen Action-Film mit Keanu Reeves

John Wick handelt von Menschen, die nur noch ihre Waffen und Geheimnisse tiefer als ihre Gefühle vergraben. Wird eines dieser Elemente aber zu Tage gefördert, resultiert das in einer blutigen Kettenreaktion. Die kreativen Köpfe hinter dieser explosiven Mischung, Regisseur Chad Stahelski und Drehbuchautor Derek Kolstad, haben auch in der Vergangenheit im Action-Movie-Bereich gewerkelt, so dass in Anbetracht ihrer filmischen Vorgänger nicht unbedingt das Was, sondern vor allem das Wie überrascht.

Anders als beispielsweise viele Superhelden-Filme der letzten Zeit, wird nicht die Stärke des Protagonisten abgeschliffen, er dekonstruiert, sondern nach und nach der Schleier vor seinem wahren Potenzial gelüftet. Die Figur John Wick (Keanu Reeves) wird anfangs als ein um seine an einer Krankheit verstorbenen Frau Trauernder dargestellt, der abwesend durch seinen grauen Alltag schwebt. Das posthum vermachte Geschenk, einen Hund, den er per Lieferdienst nach Hause geschickt bekommt, scheint ihm zumindestens etwas Trost zu spenden – bis ihm sein wertvoller Sportwagen vom Sprössling eines Chefs geklaut wird. Für John Wick als auch das Oberhaupt eines kriminellen, hochorganisierten Verbrecher-Clans ist dieses Ereignis gleichermaßen tragisch. Der Welpe findet beim Diebstahl den Tod, womit die Wut und Trauer von John Wick, einem ehemaligen Killer mit der Verbindung zu besagter osteuropäischer Gang, ausbricht. Ein Rachefeldzug gegen die Täter beginnt.

Simpel & facettenreich

Vielmehr kann man zur Story nicht preisgeben, nicht, weil sonst Überraschungen vorweggenommen werden, nein, einfach, weil es nicht viel mehr zu sagen gibt. Der Plot unterscheidet sich damit nicht von seinen vermeintlichen B-Movie-Brüdern, die vorzugsweise in osteuropäischen Ländern produziert werden und nur einen kleinen Anlass suchen, um ein Action-Donnerwetter auf eine große Masse gesichtsloser Schergen durch die Hand einer Ein-Mann-Armee zu entladen. Dass John Wick trotzdem so ein guter Film ist, liegt an einer Reihe von Faktoren.

john wick artikel

John Wick in Aktion

Zum einen wurde in Keanu Reeves ein Hauptdarsteller gefunden, der aufgrund seiner natürlichen, nennen wir es „kühlen Ausstrahlung“, in Dramen manchmal etwas deplaziert erscheinen mag, sich dafür aber umso besser – auch aufgrund seiner imposanten Statur – ins Action-Korsett des einsamen, fokussierten Rächers schmiegt. Zudem haftet John Wick der Stallgeruch von Reeves Regiedebüt, Man Of Tai Chi (2013), an: Als ein Martial-Arts-Film erster Güte, der sich durch seine spektakulären Kampfszenen in etwas anderen Locations auszeichnet, bietet dieser zwar für einen reinen asiatischen Film nichts weltbewegend Neues, ist aber für einen unter amerikanischer Beteiligung entstandenen Film umso bemerkenswerter. Die dortigen und auch in diesem Film vorzufindenden, blutigen und kompromisslosen Action-Szenen heben sich deutlich vom Quickie-Cut-Konzept Hollywoods alá Transporter 3 (2008) ab und halten da lange drauf, wo der Cutter/Schnittmeister üblicherweise die Hand anlegt.

Beizeiten wirkt es so, als wolle man John Wick gerade durch das Unterbelichten von Elementen aufwerten. Ein erfrischend geradliniger Action-Film ist die Folge. John Wick widersteht sogar dem Impuls, den Rachefeldzug (direkt) auf persönliche Rache zu gründen. Während also die Folgen einem Death Wish (1974, mit Charles Bronson) ähnlich sind, trifft das nicht unbedingt auf den Auslöser zu. Somit erhält auch der titelgebende Charakter eine besondere Note. Was ist seine wirkliche Motivation – Rache oder andere, düstere Gefühle? Mit Keanu Reeves wurde ein Darsteller gefunden, der den in der Figur wogenden Schlagabtausch zwischen Wut, Phlegma, Trauer und Killer-Profession mit seinem wie immer spärlichen Minenspiel und gelegentlichen Ausbrüchen von (mehr) Gewalt und (weniger) Gefühlen gut vermittelt.

Die Simplizität des Films setzt sich darin fort, dass Charaktere oft ein unzeremonielles Ende finden. Die berühmt-berüchtigten „letzten Zeilen“ gibt es hier nicht. Überhaupt wird in John Wick vor allem über Blei und Faust kommuniziert, der Mund nur selten bemüht. Viele der wenigen, einsilbig-trockenen Dialoge laufen über eine verklausulierte, über Codes gesprochene Sprache ab. Der Trash-Level der Dialoge von Sin City 2 (2014) wird zwar nicht erreicht, aber dennoch kam ich nicht umhin zu denken, dass eine noch stilisiertere Aufmachung dieses rund um wertig produzierten Films wohl nur noch hätte erreicht werden können, wenn die ab und auftauchenden Schriftzüge/Übersetzungen durch Comicsprechblasen eingerahmt worden wären. Wie auf dem Coolness-Thermometer wird auf der Stil-Skala durch den Kontrast von Licht, Farbe, grauen und braunen Tönen und pulsierenden Liedern schon sehr hoch gepunktet. Insofern hatte ich das Gefühl, dass John Wick durchaus ein Vertreter einer etwas neueren Art des unter Mitwirkung der amerikanischen Filmindustrie entstandenen Action-Kinos ist. Er verschreibt sich zwar nicht ganz dem Arthouse-Glanz wie etwa Only God Forgives (2013), aber es nehmen hier beispielsweise auch Frauen gleichberechtigt an den Kampf- und Schießeinlagen teil (siehe dazu Captain America: The Winter Soldier (2014) oder Haywire (2011)).

Geheim & offensichtlich

Die vielen Nebendarsteller in kleinen, aber feinen Rollen bevölkern die geheime Welt und Unterstützungsorganisationen der Auftragskiller, mit dazugehörigen Codes und eigenem Kodex. Eine fast diebische Freude überkommt den Zuschauer, der sich vor allem in den Serien von HBO auskennt und als Quasi-Geheimagent die zahlreichen, aus Fernsehproduktionen bekannten Gesichter zuordnen kann. Meine kurioseste Entdeckung war die des Pro-Wrestlers/Catchers Kevin Nash a.k.a. Diesel als Türsteher mit osteuropäischem Akzent. Ich frage mich, welche Schauspieler andere Zuschauer erkennen konnten, die mir kein Begriff waren? Diese Nebendarsteller verleihen dem Streifen zusätzlich Dampf und polieren ihn auf, wodurch sich das B-Movie-Script in einer A-Movie-Umsetzung präsentiert.

Letztendlich ist es aber auch dieses Drehbuch, das John Wick einige Kugeln aus der Trommel nimmt. Mit zunehmendem Filmverlauf wird klar, dass bis auf die eindrucksvolle Action doch relative Handlungs- und Überraschungsarmut herrscht. Außerdem hat es schon einen Grund, warum asiatische Martial-Arts-Filme überzogen wirkende Kampfszenen dennoch oft glaubhaft gestalten können. Denn egal wie viele Bösewichte dem Helden gegenüberstehen, solange die Gegner nur Hand/Fuß/Schlagwaffe benutzen, hat er zumindest realistische Überlebenschancen. Wenn sich zu diesem Mix aber Schusswaffen gesellen, wird die Glaubwürdigkeit schon stärker begrenzt. Denn eine Kugel kann immer das Ableben bedeuten – also warum warten die Fieslinge immer artig, bis sie vom Killer aufs Korn genommen werden?

Fazit

Für Freunde des geradlinigen Action-Kinos nach Art von z. B. The Raid 2 (2014) ist John Wick ein gefundenes Fressen. Bei wem Witz und ellenlange Kampfduelle – wie etwa in den meisten Filmen von Jackie Chan – im Vordergrund stehen, wird sich nicht so schnell für den hier visualisierten Rachefeldzug erwärmen können.

Zum Trailer:

 

Bilder & Trailer: (c) studiocanal

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