„mother!“: Kritik des apokalyptischen Horrorthrillers von Darren Aronofsky

Nadine Emmerich 10. September 2017 0
„mother!“: Kritik des apokalyptischen Horrorthrillers von Darren Aronofsky

„Ich möchte hier ein Paradies schaffen“, sagt die Ehefrau des Dichters. Nichts ahnend, dass ihr Zuhause bald der Hölle gleich sein wird. Liebevoll renoviert sie Zimmer für Zimmer die scheinbar abgebrannte Prachtvilla des Ehepaares mitten im Nirgendwo. Die Abgeschiedenheit bleibt indes nicht lange idyllisch: Nach und nach tauchen völlig fremde Menschen auf, denen der Schriftsteller unter den ungläubigen Blicken seiner jungen Frau freudig seine Gastfreundschaft anbietet. Darren Aronofskys neuer Film „mother!“, als Horrorthriller angekündigt und monatelang mit viel Geheimniskrämerei verbunden, fängt vielversprechend an. Doch nach etwa der Hälfte der zwei Stunden verliert sich das an „Rosemaries Baby“ von Roman Polanski erinnernde Werk in einer verstörenden Apokalypse.

Der namenlose Schriftsteller (Javier Bardem) leidet unter einer Schreibblockade. Seine ebenfalls namenlose Frau (Jennifer Lawrence) scheint nicht mehr ausreichend Muse zu sein. Und so feiert der Dichter den Fremden (Ed Harris), der spätabends überraschend an der Tür schellt, als neue Inspiration. Doch es bleibt nicht bei dem einen plötzlichen Gast. Am nächsten Tag steht dessen liebestolle Gattin (Michelle Pfeiffer) vor der Tür. Und irgendwann tauchen auch die beiden erwachsenen Söhne des Paares auf, die sich im Streit ums Familienerbe die Köpfe einhauen. Fast könnte man sich hier noch in einer Komödie wähnen.

Während der Dichter in der Krise die Bewunderung der ungebetenen Besucher in vollen Zügen genießt, kann seine schwangere Frau nur fassungslos und mit ihren Wünschen zunehmend alleingelassen dabeistehen. Das macht Jennifer Lawrence indes Oscar-nominierungsreif. Und ist dabei so schön, dass man ahnt, warum sich Aronofsky während des Drehs in seine Hauptdarstellerin verliebte. Mit den aufdringlichen und Besitz ergreifenden Unbekannten verwandelt sich das Haus derweil zum Geisterhaus, in dem Blut aus den Dielen quillt und sich versteckte Kellerräume auftun. Die Dichter-Frau bekommt zudem mysteriöse Visionen, und die Beziehung des Paares allmählich Risse. Die Gattin des fremden Besuchers wirkt zugleich so diabolisch, dass man ihr noch so einiges Böses zutraut.

Zum Finale ein Inferno

Irgendwann entgleiten Aronofsky jedoch die Zügel. Was zu Beginn angenehm unbehaglich und beunruhigend ist, wird erst unverständlich und dann teilweise fast unerträglich. Das bereits ein Mal abgebrannte Haus ereilt das nächste Inferno, angeführt von einer Meute Fans. Kriegsähnliche Zustände, Zerstörungswut, brutalste Gewalt, religiöser Fanatismus – der Regisseur bringt in seinem langen, blutigen und leider auch etwas artifiziellen Finale alles unter. Zwar versöhnt er den Zuschauer mit einem letzten Twist nochmal ein wenig, doch kann dies nicht über die Enttäuschungen des Films hinwegtrösten. Was Daronofsky indes schafft: Zerreißen kann und mag man „mother!“ dann doch nicht. Zu lange hallen seine Referenzen an die Schöpfungsgeschichte und den Untergang dann doch nach.

Vielleicht waren auch schlicht die Erwartungen zu hoch – schließlich war in Hollywood monatelang ein Riesentamtam um die neue Regiearbeit Aronofskys gemacht worden. Was dieser mit Äußerungen, der Film sei wie ein Raketeneinschlag oder ein wilder Achterbahnritt  und  anders als alles, was bisher auf der Leinwand zu sehen gewesen sei, noch ordentlich befeuerte. Die Kritiker bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo „mother!“ seine Weltpremiere feierte, goutierten das Werk bereits mit reichlich Buh-Rufen.

Aronofskys frühere Filme „Pi“, „Requiem for a Dream“, „The Wrestler“, The Fountain“ und „Black Swan“ – für den der Filmemacher 2009 in Venedig den Goldenen Löwen bekam – waren intensiv und grandios. Seine krude Bibelverfilmung „Noah“ hakte man daher gern als Ausrutscher ab. Nach „mother!“ lässt sich indes nur hoffen, dass der Filmemacher bei seinem nächsten Werk wieder zurück in die alte Spur findet.

Kinostart: 14. September 2017

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