Belladonna of Sadness (1973): Kritik zum Re-Release des Anime

Lida Bach 5. Juli 2016 0
Belladonna of Sadness (1973): Kritik zum Re-Release des Anime

Eiichi Yamamotos psychedelische Sexphantasie kehrt auf die Leinwand zurück, doch das hübsch gezeichnete Sexmärchen ist ein bloß ein Kuriosum statt Kunst. Die einzige Kunstfertigkeit des stilisierten Animationsfilms, der seinerzeit auf der Berlinale lief, besitzen die Restauratoren des obskuren Kultfilms von 1973. Womöglich motivierte sie Nostalgie für die alberne Symphonie aus Porno, Fantasy und Artsy-fartsy. So frisch die vor künstlerischer Prätention überquellenden Bilder wirken mögen, so verstaubt sind die kindlich-sadistischen Machtphantasien. Die Titelfigur ist praktisch dauernackt. Trägt Jeanne (Aiko Nagayama) doch mal ein luftiges Gewand, dann damit es ihr vom Leib gerissen wird. Ihren disproportionierten Körper präsentiert sie meist auf starren Aquarellen, die fließende Bildabläufe überwiegen. Jeanne selbst, die später zur Belladonna wird, ist so hohl und austauschbar wie eine Aufblaspuppe. Als solche fungiert die Bauernmaid, die nach einer Gruppenvergewaltigung eine Karriere zur Satanistin hinlegt.

Jeannes stöhnende Stimme, steile Brüste und ihr suggestiv geöffneter Mund vermitteln einen Zustand von Dauergeilheit. Diese ostentative Lüsternheit und leichte Erregbarkeit Jeannes steht im krassen Widerspruch zu der Gewalt, die ihr ständig angetan wird. Doch Yamamotos Bilderreigen ergötzt sich gerade an diesem misogynen Konstrukt von sexuellem Zwang, der für das Opfer mit Lust einhergeht. Die fadenscheinige Story schwankt zwischen Altherrenphantasie und Pennälerwitz. Nach der Hochzeit mit ihrem Liebsten Jean (Takao Ito) wird sie vom bösen Fürsten (Masaya Takahashi) und dessen Troß vergewaltigt. Der Fürst sieht aus wie Skeletor, was passt, denn Jean erinnert vage an He-Men. Charakterlich ist er aber das Gegenteil, darum meint er zu Jeanne, sie sollten die explizit ausgemalte Massenvergewaltigung einfach vergessen. Dass Jeanne das nicht kann, macht sie zur diabolischen Hexe. Sexualisierte Gewalt gegen die Hauptfigur erscheint als aufreizend, ihr Körper wird in der Qual ästhetisiert, ihr Wunsch nach Rache jedoch verteufelt.

Hinter all den aberwitzigen sprechenden Phalli, zweideutigen Felsspalten, Blütenknospen und kopulierenden Tiermenschenfratzen steckt ein von Sexualneid triefender Moralismus. Keine Spur damals proklamierten sexuellen Befreiung. Jeanne wird als Besitztum männlicher Figuren definiert, sei es ihr Gemahl oder Satan (Tatsuya Nakadai). Den Turnus aus sexueller Erniedrigung, Lust, Macht und erneuter Erniedrigung zu analysieren, ist der Mühe nicht wert. Der auf Jules Michelets Traktat über „Satanismus und Hexerei“ von 1862 basierende Plot ahmt in seinen vermeintlich gewagten Bildchen den Stil bekannter Künstler wie Schiele und Klimt nach. Der Page der grausamen Fürstin (Shigako Shimegi) kommt von Aubrey Beardsley. Knallige Cartoons evozieren Yellow Submarine und zuletzt führt gar Delacroixs Freiheit das Volk. Das Resultat ist ein Softporno in Pastelltönen, begleitet von japanischen Popsongs. Interessant höchstens als Relikt der Ära von Emmanuelle und Alice in Wonderland – an X-rated Musical Comedy.

Bild © Rapid Eye Movies

OT: Kanashimi no Belladonna

Regie: Eiichi Yamamoto

Produktionsland: Japan

Produktionsjahr: 1973

Verleih: Rapid Eye Movies

Länge: 93 min.

Kinostart: 1. September 2016

Wie hat Dir der Film gefallen?