Cowspiracy: Kritik zur Umweltdokumentation (DVD)

Martin 11. März 2016 0
Cowspiracy: Kritik zur Umweltdokumentation (DVD)

Der viel zitierte Treibhauseffekt erfährt in der Dokumentation Cowspiracy – Das Geheimnis der Nachhaltigkeit eine neue, größere Dimension. Cowspiracy deckt Nutztierhaltung -und verzehr als DAS Problem steigender Kohlenstoffemissionen und Temperaturen auf globaler Ebene auf. Dieser Umstand ist in einigen Studien und unter Umweltexperten, die hier oft zur Rede kommen, wohlbekannt. Aber warum machen z. B. die großen Umweltorganisationen auf dieses Problem nicht aufmerksam? Selbst eine der bekanntesten Dokus über Erderwärmung, Eine unbequeme Wahrheit mit Al Gore als zentraler Figur, geht darauf nicht ein, wie in Cowspiracy angemerkt wird. Steckt hinter all dem eine riesengroße Verschwörung („conspiracy“)? Das ist der dramatische Aufhänger zu dem ernsten realen Problem, dem Kip Andersen und Keagan Kuhn nachgehen.

Wie jede andere Doku über einen komplexen Sachverhalt muss auch Cowspiracy nötigerweise dem Zuschauer die ineinander übergehenden Problemlagen, die dafür relevant sind, erst einmal vorstellen und im weiteren Verlauf vertiefen. Das wird über große Strecken (grafisch) elegant gelöst. Das Kernargument: 51 % der Treibhausgasemissionen wird durch Nutztierhaltung verursacht, während etwa 13 % auf den gesamten (!) Transportsektor zurückzuführen sind. Nutztierhaltung und -verzehr verursachen Umweltzerstörungen und benötigen gigantische Mengen an natürlicher Ressourcen, die für die Nahrung der Tiere eingesetzt werden muss. So stellen die Macher früh im Film fest, dass Empfehlungen von Umweltorganisationen, im Alltag Wasser zu sparen und möglichst kein Kraftfahrzeug zu verwenden, einem Tropfen auf den heißen Stein gleichkommen. Kip Andersen, der seit Eine unbequeme Wahrheit bemüht ist, einen ressourcen- und umweltschonenden Lebensstil zu pflegen, fragt sich zudem zurecht: Warum versuche ich eigentlich, Kurzduschen zu praktizieren, wenn die Produktion eines viertelpfündigen Hamburgers bereits 2.500 Liter verschlingt?

Hierin liegt auch ein gewisser Charme von Cowspiracy, wenn man es denn angesichts der Bedenklichkeit des besprochenen Problems so nennen möchte. Von dem Auffinden der Kernidee für die Dokumentation über die Recherche bis hin zu persönlichen Entscheidungen für die Filmemacher die Macher stellen ihr Thema und die Ergebnisse praktisch so dar, als wenn sie diese gerade entdecken würden. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Unbefangenheit und Leichtigkeit, deren Verlust im Angesicht der harten Fakten und persönlicher Konsequenzen für die Macher umso schwerer wiegt. Auch wenn dabei manchmal dramatisch überzeichnet wird, die Realität eher dem Drehbuch (und nicht anders herum, wie auch beim wenig gelungenen Trailer) folgt: Die Macht der (Tier-)Landwirtschaftslobby ist nur allzu real, als Cowspiracy eine Telefonnachricht eines Filmförderers präsentiert, der vom Projekt abspringt, weil ihm das ganze Thema zu heikel geworden ist.

Dieser Lobbyismus ist nur ein Glied in einer Kette des Problems „Treibhauseffekt“ durch Nutztierhaltung: Methangas ist zerstörischerer als Kraftstoffemissionen; Rodung von Waldbeständen, die für die Nutztierhaltung anfallen und die danach unfruchtbar werden; der parallel zur wachsenden Weltbevölkerung steigende Bedarf an Nahrung, für die es nicht genug globale Nutzflächen gibt (gesetzt dem Fall, dass sich dies auf die Fleischnachfrage bezieht). All diese Umstände werden nicht nur besprochen, sondern auch mit Zahlen und Grafiken, die oft Vergleiche anstellen, belegt. Neben der teilweise ablaufenden Überdramatisierung liegt hier der einzige Schwachpunkt der Doku. Über die Häufigkeit und Tiefe dieser Darstellungen kann man sich vortrefflich streiten, aber einige von ihnen entbehren eines notwendigen Informationsgehalts. Angesichts der erstaunlich hohen Zahlengrößen, mit denen wir es hier zu tun haben, bringt es z. B. wenig Mehrwert zu wissen, wie viel Fläche oder wieviele Länder der Dung von Kühen bedecken könnte.

Teilweise aufschlussreicher sind da die gezeigten zahlreichen Interviews. Allein schon wenn sich einige Umweltorganisationen verweigern, über die Nutztierhaltung und die damit verbundene Treibhausgasentwicklung zu sprechen und das als Kernproblematik auszumachen, hat das Aussagekraft. Denn lobenswerterweise hinterfragt Cowspiracy nicht nur die landwirtschaftliche Nutztierhaltung an sich (und die Macht des damit einhergehenden Lobbyismus), sondern geht auch dem Grund nach, wieso diese Informationen nicht viel präsenter sind. Die Antworten sind einleuchtend: U. a. sind Umwelt-NGOs auf die Unterstützung von Interessensgruppen angewiesen und finanzieren sich aus deren Beiträgen. Die USA hat mit den höchsten Pro-Kopf-Verzehr für Fleisch weltweit: Mit „american diet“ wird in dem Film die typisch fett- bzw. fleischlastige Ernährungsweise eines Durchschnittsamerikaners bezeichnet. Dass gerade der Konsum von Fleisch der größte Treiber der Erderwärmung sein soll, ist eine unbequeme Wahrheit, die diesen Organisationen im Geldbeutel weh tun könnte.

Der Treibhauseffekt zeichnet sich durch seine (noch) fehlende Unmittelbarkeit aus. Cowspiracy macht dies deutlich. Anzurechnen ist dem Film, dass er auch „Lösungsmöglichkeiten“ dagegen auslotet. Während Weidelandhaltung von Rindern nicht weniger klimaschädlich ist als Masttierhaltung, bringt es ein Interviewpartner auf den Punkt: Wer sich Umweltschützer nenne und trotzdem Fleich konsumiere, der sei kein Umweltschützer. Die vegane Lebensweise wird in Cowspiracy als die umweltfreundlichste Lebensweise mit den unmittelbarsten Folgen angepriesen. Der „Konsum“ dieses Films zwingt jeden Zuschauer dazu, sich in dieser Hinsicht selbst zu hinterfragen.

Cowspiracy – Das Geheimnis der Nachhaltigkeit ist ab 18. März 2016 als DVD erhältlich.

Deutscher Trailer:

Beitragsbild und Trailer: (c) polyband

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