Daredevil: Staffel 1 Kritik – The Dark Knight Rises

Max Christ 22. April 2015 5
Daredevil: Staffel 1 Kritik – The Dark Knight Rises

„Daredevil“ bricht als selbsternannter Retter seiner Stadt New York nicht nur das Gesetz, Schlösser von Türen und den Willen als auch die Knochen seiner Feinde, sondern brach mit seinen hohen Einschaltquoten auch das Genick der Server von Netflix.

Daredevil in der Nacht, Matt Murdock am Tag, wie das epische Wechselspiel von Sonne und Mond, so kämpft auch die von Charlie Cox (Boardwalk Empire) gespielte Person gegen das Verbrechen; mal auf der einen, dann auf der anderen Seite des Gesetzes. Der maskierte Mann im Kampf gegen das organisierte Verbrechen; wie Justitia blind, die Augen bedeckt, die eine Hand, die Waage haltend, hilflos zuckend auf der Suche nach Gerechtigkeit, die andere Hand blutig und aufgeschlagen, nach dem Vollzug des Richtspruchs.

Verfügbar ist die Serie seit dem 10 April 2015. Wie sich der Teufel von Hell’s Kitchen schlägt, als Serie im Allgemeinen und vor allem gegen die Konkurrenz aus dem eigenen Haus Marvel und dem Kontrahenten DC, erläutert die nachfolgende Kritik.

The Good

Die Tagesordnung des New Yorker Viertels Hell’s Kitchen hat einen Ghostwriter: der Arbeitgeber, der seinen Namen nicht genannt haben möchte. Er hat Polizisten, Politiker, Journalisten, Anwälte und Schläger gekauft und chinesische, russische und japanische Kriminelle loyal an seiner Seite. Die Rede ist von Wilson Fisk, in Comics bekannt unter dem Namen King-Pin, der sein Viertel niederbrennen und anschließend als Phoenix aus der Asche emporsteigen sehen möchte – der Zweck heiligt dabei die Mittel. Die Verkörperung jenes Antagonisten durch Vincent D’Onofrio ist eine der großen Stärken der Serie. Nuanciert und glaubwürdig vermittelt er den überzeichneten, karikaristischen Comic-Bösewicht, der jeden Raum mit seiner Präsenz vereinnahmt – breit gebaut, komplett in schwarz gekleidet, kahl-rasiert und eine mit Pausen durchsetzte Sprache: ein Ebenbild der Vorlage. Dabei ist er nicht böse nur aus Selbstzweck, sondern seinem Gegenspieler sehr nahe. Fisk und Daredevil sind zwei Seiten einer Medaille, beide auf ihre Weise kämpfend, mit dem Ziel ihre Stadt nach ihren Vorstellungen zu formen. Der Strippenzieher des organisierten Verbrechens hat genauso Selbstzweifel, möchte beweisen, dass er kein blutrünstiger Mensch sei und findet im Gegensatz zu seinem Widersacher sogar Liebe. Diese Darstellung trägt die Serie. Der Kampf zwischen zwei Charakteren auf ihrem Feldzug für Veränderung, geplagt von der Vergangenheit und der sie missverstehenden Gesellschaft. Murdock bewegt sich, auf der einen Seite, in der Akzeptanz der Gesellschaft, hat seinen Job und hat Freunde, die denken sie würden ihn kennen, doch auf der anderen Seite wiederum wie Fisk im Schatten, um den zu kurzen Arm des Gesetzes notwendig zu verlängern.

Wie Batman, greift der New Yorker Teufel nur auf seine Fäuste im Kampf zurück, prügelt seine Widersacher windelweich und wenn er sich nicht bremsen kann, landet der ein oder andere Gegner auch mal im Krankenhaus – mit oder ohne Koma. Dabei sind diese Kämpfe hervorragend choreografiert und realistisch. Wie Florian schreibt, werden in dieser Serie dem Zuschauer keine übertriebenen Szenen vorgesetzt, in welchen der Held mit Leichtigkeit durch die Meute tänzelt. Daredevil wird regelrecht verprügelt und prügelt sich auf seinem blutigem Pfad, taumelt, holt neue Kraft und kämpft weiter, bis er alleine im Raum noch stehen kann. Positiv ist hierbei auch die ruhige Kamera mit wenigen Schnitten hervorzuheben, die im Kontrast zum heutigen Mainstream steht.

Wie Batman, ist Daredevil ein Antiheld, der seine Heimatstadt in einem neuen Licht erblühen sehen will. Seine Heimatstadt, mit ihren dunklen Gassen voller Dreck und Abschaum, deren Fundament mit Korruption durchsetzt ist. Netflix erschuf dabei das Serien-Äquivalent zu Nolans Batman-Trilogie und hebt sich daher von der Konkurrenz ab, die entweder Marvel-typisch leichtherziger ist oder wie zum Beispiel „The Arrow“ den Spagat zwischen Humor (der in Daredevil sehr rar gesäht ist) und Ernsthaftigkeit vermasselt.

Die neue Netflix-Serie nimmt sich im Allgemeinen wesentlich ernster. Man nimmt sich viel Zeit für ruhige, persönliche Momente und Gespräche, die öffentliche und geheime Welt harmoniert miteinander, es gibt kein Team aus laufenden Klischee-Nerds, keine unsinnigen und lächerlichen Love-Triangles und nicht jeder Charakter besitzt eine herzzerreißende Vergangenheit.

The Bad

Dennoch hat auch Daredevil trotz seiner hervorzuhebenden Subtilität der Adaption mit Problemen eben jener Umsetzung zu kämpfen. Oft stören over-the-top Momente das Gesamtbild: Wenn Wilson Fisk zu stark als Karikatur wirkt, die Bösewichte Englisch verstehen, aber nur japanisch/chinesisch reden um ihre Macht zu demonstrieren oder der antagonistische Gegenüber aus purer Dummheit einen (tödlichen) Verlust einfährt – ob es nun die Wachenpositionierung, deren Verhalten oder die Informationspolitik unter Handlangern ist.

Diese eben erwähnten Handlanger wirken auch des Öfteren als Fischfutter und sind ebenso geschrieben. Die bösen Russen, die Macht haben wollen, Menschen schlagen, entführen und töten, aber am Ende des Tages nur eine Sache machen: böse Schauen und Russisch reden.

Ein Störfaktor, welcher sich im Fortlauf der Staffel jedoch nach und nach selbst verbessert, ist die Anwalt-Handlung. Ein Nebenstrang, der versucht das Privatleben Murdocks besser auszuleuchten und dabei nur unnötigem, blöd-lustigem Füllmaterial gleicht. Bei diesen Szenen nervt vor allem der Kollege Foggy Nelson, wohl das letzte Überbleibsel einer Klischee-Kürzung.

The Fazit

Daredevil ist die beste Superhelden-Serie auf dem Markt. Sie ist klar besser als ihre DC-Konkurrenz names „Arrow“ und „The Flash“, die entweder noch immer im Fahrwasser von Nolans Batman schwimmen oder sich mit Albernheit selbst ertränken – und auch den Produkten der eigenen Marvel-Marke überlegen. Daredevil ist dagegen aus einem Stück geschnitten und bietet – mit wenigen Ausnahmen – ein Zweiergespann von Handlungssträngen, welches zueinander passt.

Abhängig davon, was man erwartet, was man bisher gesehen hat und man nun sehen möchte, ist die Serie eine 3,5 im Topf mit allen anderen Serien oder aber als großer Comic-Fan, der (trotz Marvel/DC/X-Men Filmen und Serien) noch nicht genug Comic-Adaptionen konsumieren durfte, auch eine 4 oder 4,5. Vor allem im Vergleich der Konkurrenz kann man mit relativ sicherer Gewissheit sagen, dass in nächster Zeit im Bereich Nichts besseres kommen wird.

The Universe

Das Haus Netflix, vor allem bekannt durch „House of Cards“, präsentiert mit „Daredevil“ seine erste Superhelden-Serie, welche jedoch nicht die letzte sein wird. Dem Vorbild der Kinoleinwand und ihrem Cinematic Universe gleichkommend, dürfen sich Marvel-Comic-Leser auf ein (sozusagen) Marvel TV Universe freuen. Dem ersten Paukenschlag „Daredevil“ werden Serien – mit jeweils 13 Folgen – zu den mehr oder minder bekannten Recken Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist folgen. Das Quartett wird daraufhin in der Mini-Serie „The Defenders“ zusammengeführt. Ein Projekt welches am Ende circa 60 Episoden umfassen wird. Ob das Team des Wohnzimmers einen Auftritt im Kino haben wird und Seite an Seite mit Iron Man, Thor, Hulk, Captain America etc kämpfen wird, ist noch ungewiss.

Mittlerweile wurde auch die zweite Staffel angekündigt!

(c) Marvel

Daredevil: Staffel 1
3.5 / 5 stars
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  • Ist wirklich eine super Serie und die 2. Staffel wird bestimmt ebenso
    großartig. Umgerechnet habe ich 4 Sterne vergeben, dass deckt sich ganz gut.

    Ich muss aber gestehen, dass ich Foggy sehr symphatisch finde und bei Fisk zwischen grandios bis over-the-top schwanke.

    Auf http://www.superheldenkino.de habe ich dazu auch eine Kritik
    geschrieben: Intensiv, düster und brutal – Marvels beste Superhelden
    Adaption – Serienkritik – Alles zu Marvel’s Superhelden Serie http://wp.me/p5Hhk1-fu

    • Max Christ

      Ich habe bei der Bewertung auch etwas geschwankt, daher der Zusatz am Ende. Vor allem wenn man auf düsteren Comic-Kram steht (wie ich) ist es halt super, aber ich wollte es lieber in den Gesamtkontext setzen und da könnte es eben noch viel an Feinjustierungen vertragen.

      Foggy … wurde später erst verträglicher und dann eine sympathischer Charakter, aber vor allem in den ersten Folgen empfang ich ihn als einen der wenigen Überbleibsel der Anti-Comic-Kur.

      Fisk, ist schon over-the-top, aber er wird doch schön bodenständig gespielt und ist wiederum speziell im Kontext eines Comic-Universums normal.

      Ich bin gespannt auf die nächste Staffel und die nächsten Defenders-Serien, wobei ich von den restlichen drei Superhelden noch nie etwas gehört habe. War aber bei u.a. Guardians nicht anders.

      Werde deine Kritik später lesen.

      • Das stimmt. Mit der Produktion für Netflix macht man schon vieles richtig und die düstere Atmosphäre passt einfach in das Hell’s Kitchen Setting.

        Gotham hätte sich da ne Scheibe abschneiden können.

        Luke Cage kenn ich eigetnlich nur aus Mortal Komabt, aber lassen wir uns überraschen.

  • Eskapist

    Man kann nicht über Daredevil reden, ohne über alle aktuellen Marvel-Serien zu sprechen. Denn erst im Vergleich zeigt sich, was Netflix anders gemacht hat, bzw. was Netflix überhaupt anders machen kann. ABC ist mit den „Agents of Shield“ an die Regeln des Free-TV gebunden: Ein Comicstoff muss für die Jugend sein, er darf also spätestens am frühen Abend laufen und muss somit halbwegs „sauber“ sein. Mit „Daredevil“ haben wir – neben „The Walking Dead“ – meines Wissens die erste echte Comicverfilmung aus dem Pay-TV bzw. VoD, beides dank Aboregelung mit einem (Pseudo-)Jugendschutz. Wir hätten also freie Hand bei Sex (das mag Marvel aber nicht) und Brutalität. Bei letzterem hat wohl auch Marvel einem Experiment zugestimmt: Lasst uns mal Comic für Erwachsene machen. Die von Netflix lizenzierten Figuren sind gut geeignet dafür, es sind nicht die Superhelden-Überflieger wie Thor oder Iron Man sondern eher die zweite Liga, die im Stadtviertel für Ordnung sorgt und vorrangig mit den Händen arbeitet. Sie sind verletzlich und damit menschlicher. Aber genau dadurch müssen sie ordentlich brutal sein, sie müssen ja schließlich irgendwie die Kämpfe gewinnen. Weniger Brutalität würde aber zu harmloseren Gegnern führen, und dann wären wir schnell wieder im Jugendprogramm.

    Möglicherweise rettet Netflix das Comic-Genre. Denn wenn das so weiter geht, ist Anfang 2016 das Fernsehprogramm so voll damit, dass uns die Comichelden auf den Wecker gehen. Netflix bringt eine Farbe ins Spiel, die dafür sorgt, dass wir die leichtgewichtigen Free-TV-Comics ignorieren können und uns dafür die „erwachsenen“ Defenders reinziehen. Netflix sorgt ja auch dafür, dass – dank dem hohen Aufwand – der Stoff stark rationiert wird: mehr wie 13 Folgen wird es wohl nie von einer Staffel geben, und ich glaube auch, dass außer „Daredevil“ und vielleicht noch Jessica Jones (weibliche Heldinnen haben momentan eine kleine Chance), keiner eine zweite Staffel bekommt. Letztendlich darf sich auch Netflix weder das Image noch die Beliebtheit bei den Abonnenten kaputtmachen, da ist dann weniger mehr.

    Ein letztes Wort zum zweiten Vorteil von Netflix, für mich der wichtigste, dessen Konsequenzen noch gar nicht überblickt werden können: Netflix entwickelt ein eigenes Serienformat, einfach gesagt: 13 mal eine Stunde. Am besten ist das in „Bloodline“ zu sehen, am wenigsten in „Daredevil“. Dieses Format verzichtet – soweit man das aus den wenigen Serien bisher ableiten kann – auf eine Unterteilung der Episoden für die Werbepausen (ist ja typisch für echte Pay-TV-Serien) aber auch auf regelmäßige Höhepunkte innerhalb der Episoden. Tatsächlich ist der Spannungsbogen weit mehr wie bei einem Film über die Staffel gespannt. Auch wenn es bei „Daredevil“ ein paar hübsche Cliffhanger gibt, so fehlen diese doch ziemlich in „Bloodline“ oder „Hemlock Grove“. Ich empfehle dazu auch einen Blick auf Amazon, das sich sehr genau anschaut was Netflix macht: „Bosch“ ist eine echte Binge-Serie, wo manche Episode ziemlich abrupt mitten in der Geschichte endet. Das ist zunächst irritierend, erlaubt es aber den Autoren größere Geschichten zu erzählen. Dass es dabei einzelne Folgen gibt, in denen wenig passiert, muss so sein, ist aber nicht wirklich schlimm: Binge-Viewer sind ja schnell darüber weg und dank der bisher immer exzellenten Besetzung fällt uns das auch weniger auf. Aber eine Konsequenz wird sein, dass diese Serien Free-TV-untauglich sind. Eine Woche warten, und dann kommt eine „schwache“ Folge ohne Action? Geht gar nicht.

    Als letztes muss man auch anmerken, dass die Optik von „Daredevil“ vom Zuschauer etwas Konzentration verlangt. Das ist ebenfalls typisch für Netflix: Auch die Kunst muss ein Stück vorangetrieben werden, das war in den Anfangstagen von HBO nicht anders, denn erst dadurch wachen die Kritiker auf.

    Was hier passiert, ist sehr spannend. Ach ja: „Daredevil“ war ziemlich cool. Die Schwächen stören mich nicht sonderlich, weil das Gesamtpaket einfach klasse war.