Filmkritik: Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Florian Erbach 4. Januar 2014 6
Filmkritik: Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty (2013)

Nach zuletzt Zoolander (2001) und Tropic Thunder (2008) wagte sich Ben Stiller nun mit Das erstaunliche Leben des Walter Mitty erneut unter die Regisseure und inszenierte damit sein bisher ambitioniertestes Projekt.

Ich muss ja zu geben, dass ich kein besonderer Fan von Ben Stiller bin und wenn ich mich auf einen Lieblingsfilm von ihm festlegen müsste, dann würde mir das äußerst schwer fallen. Umso überraschter war ich vom vielversprechenden Trailer, denn das sah so gar nicht nach einem typischen Ben Stiller aus. Das erstaunliche Leben des Walter Mitty schien eine Mischung aus Drama und Komödie, mit Tiefgang und philosophischen Anleihen zu sein. Das mag nun komisch klingen, aber ich fühlte mich an Forrest Gump erinnert und so war meine Erwartungshaltung dementsprechend. Leider wurde sie in Teilen enttäuscht und das, obwohl der Film durchaus sehenswert ist.

Das langweilige Leben des Walter Mitty

Walter Mitty ist gewöhnlich. Ja er ist sogar langweilig, antiquiert und der typische 08/15-Mensch. Logisch eigentlich, dass er im Archiv arbeitet und damit nicht unbedingt viel mit Menschen zu tun hat. Deutlich wird sein eher zurückhaltender Umgang mit Menschen auch am anderen Geschlecht, nämlich in Form seiner Arbeitskollegin Cheryl Melhoff, die von Kristen Wiig (Paul – Ein Alien auf der Flucht, Her) gespielt wird und zu der er nur schwer Kontakt aufbauen kann. Seine Gewöhnlichkeit wird nur von seinen Tagträumen zerrissen, die verdeutlichen, dass in ihm noch „jemand“ anderes schlummert, der sich nach Aufregung und Abwechslung sehnt. Als das LIFE-Magazin (welche Ironie), für das er arbeitet, gekauft wird, ergibt sich nun die Chance, sein Leben umzukrempeln. Sein Job und auch seine Liebe sind in Gefahr. Es ist schließlich ein verschwundenes Negativ, welches Walter Mitty dazu veranlasst, auf eine Reise zu gehen und den Urheber des analogen Films (Sean Pean) zu suchen.

das erstaunliche Leben des Walter MittyDer Anfang von Das erstaunliche Leben des Walter Mitty ist wahnsinnig toll. Ben Stiller als vermeintlicher „Loser“, als gewöhnlicher Durchschnittsbürger funktioniert. Die Tagträume sind toll inszeniert und schreien gerade zu nach Komik. Gleichzeitig ist es aber keine Slapstick und eine gewisse Tiefe offenbart sich, die wohl jeder schon einmal wiederfahren hat. Es ist die immer wieder aufkommende Frage: Wieso habe ich jetzt nicht intuitiv gehandelt? Wieso kann ich nicht über meinen Schatten springen und einfach „machen“? Doch nach einiger Zeit nutzt sich das „Image“ der Figur Walter Mitty ab und zur rechten Zeit kommt die Wende. Die Suche nach dem verschwundenen Negativ. Träumerei und Wirklichkeit scheinen sich zu vermischen.

Wunderschöne Bilder, eine richtige Message und doch fehlt etwas

Die Reise, die wir Walter Mitty am Anfang des Films keineswegs zugetraut hätten, führt ihn über Grönland nach Island und schließlich in den Himalaya. Die Bilder sind beeindruckend und vermitteln wunderbar das Gefühl von Ferne, von Entdeckertum und machen einfach Lust auf das Reisen. Walter Mitty wandelt sich so vom Nobody zum begehrten und interessanten Menschen. Mittels der immer wiederkehrenden Telefonate mit seinem Servicemitarbeiter von e-Harmony (das amerikanische e-Darling), wird die Wandelung ebenfalls skizziert. Während sich zu Beginn des Films noch niemand für Walter interessierte, steigert sich das Interesse mit jedem Erlebnis-Eintrag, den Servicemitarbeiter Tod (Patton Oswalt) bereitwillig tätigt, weiter. Bis schließlich Mitty selber gar kein Interesse mehr an seinem Profil hat.

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty ist nicht nur wegen der schönen Landschaftsaufnahme, der nicht übermäßig dosierten guten Humorportionen und dem tollen Soundtrack sehenswert, sondern auch wegen der Message, die dem Film unweigerlich innewohnt. Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von James Thurber aus dem Jahr 1939, geht es im Wesentlichen um die Verwirklichung von Träumen, darum, etwas aus seinem Leben zu machen und die oftmals künstliche Hülle die einen umgibt aufzubrechen. Das Leben von Walter Mitty ist insofern erstaunlich, als das die Geschichte in Teilen natürlich eher dem Traum- und Fantasy-Bereich zuzuordnen ist und doch gibt es Anknüpfungspunkte zu einem jeden menschlichen Leben auf diesem Planeten. Das ist die große Stärke von Ben Stillers Inszenierung.

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© Twentieth Century Fox Film Corporation

So schön der Film auch anzusehen ist, so sehr fehlt mir über den ganzen Film verteilt jedoch der Tiefgang. Das erstaunliche Leben des Walter Mitty ist nett – und damit kann im Grunde auch schon der ganze Film zusammengefasst werden. Nur sehr selten blitzen Momente auf, die sich dem Zuschauer „einbrennen“ und nachhaltig sind. Überwiegend bekommen wir us-amerikanische Schonkost serviert und so kratzt der Film letztlich nur an der Oberfläche und lässt trotz der schönen Geschichte, das Gefühl von Oberflächlichkeit und „da-muss-doch-noch-was-kommen“ aufkommen. Alles wirkt zu glatt, zu vorhersehbar und selbst das Ende ist so wie erwartet. Die schon angesprochene hohe Erwartungshaltung wird mir bei der Bewertung des Films wohl ein Bein gestellt haben. Denn trotz der positiven Eindrücke bleibt ein enttäuschtes Gefühl zurück und die Feststellung, dass man aus dem Stoff hätte wesentlich mehr machen können.

Fazit zu das erstaunliche Leben des Walter Mitty:

Fast wäre ich geneigt gewesen, den Film als so gewöhnlich wie seine Hauptfigur darzustellen – doch so einfach ist das auch nicht. Der Film bietet schöne Aufnahme, tolle Traumsequenzen, einen hörenswerten Soundtrack und alles in allem eine gute Geschichte. Ohne Umschweife ist dies wohl Ben Stillers bester Film. Dennoch hätte ich mir mehr Tiefgang und Emotionen gewünscht. Ich dachte, dass mich der Film mehr bewegt, mehr aufwühlt und mehr zum Lachen bringt. Das verschenkte Potential an dieser Stelle sorgt für Enttäuschung. Trotzdem ist Das erstaunliche Leben des Walter Mitty seinen Kinobesuch wert. Wenn man nicht zu viel erwartet, wird man durchaus gut unterhalten und kann sich an der Geschichte von Walter Mitty erfreuen.  3,5/5

Filmkritik: Das erstaunliche Leben des Walter Mitty
3.67 (73.33%) 3 votes

  • Juli Jane

    Schonmal „Zoolander“ oder „Voll auf die Nüsse“ geguckt? Filme mit sehr hoher Gag-Dichte, die ich mir immer wieder gerne mit meinem Mitbewohner anschaue. Ich freu mich aber für Ben Stiller. Endlich kann er mal mehr zeigen, also nur den hohlen, meist unfreiwilligen Witzereißer. Bin also sehr gespannt auf „Walter Mitty“ und auf die tollen Aufnahmen. Der Trailer sieht ja schonmal von den Bildern her sehr nett aus. :)

    • Habe ich beide noch nicht gesehen. Zoolander fand ich immer die Geschichte so albern… Aber ich sollte ihm vielleicht eine Chance geben!

      Hast du den Film mittlerweile gesehen?

  • Tolles Review, mir hat der Film allerdings noch besser gefallen.
    Hast du zufaellig Greenberg gesehen? Der ist ja auch mit ihm in einer eher ernsten Rolle.

    • Danke für deinen Kommentar! Greenberg habe ich noch nicht gesehen.

      Mein letzter Film von ihm war The Watch und den fand ich eher durchwachsen. Generell habe ich sooo viel von ihm auch noch gar nicht gesehen und ich vermute fast, dass ich ihm vielleicht etwas unrecht tue. Mal sehen… Greenberg liest sich jedenfalls interessant. Danke für den Tipp!

  • Friendly

    „Mitty“ ist ein schöner Mutmachfilm, wie vielleicht auch „Harold and Maude“, er ist ein schöner Film (Landschaften etc)… aber er ist m.E. kein guter Film. Das liegt zum einen an den schwachen Einlagen mit dem bärtigen Unsympathen von Unternehmensberater, zum anderen an der unplausiblen Handlung (Tausche Action-Figur gegen Longboard? Wisst ihr, wie viel so ein Longboard kostet?) zum anderen an … ich weiß es nicht. ABER: das Ende reißt für mich viel wieder heraus: Als er seinen Lebenslauf schreibt, wird Mitty wirklich zum Helden.

    Grüße,

    Friendly (http://friendly101.blogspot.de/)

  • Motion Picture Maniacs

    Schön geschrieben und ich stimme auch in vielen Punkten mit deiner Meinung überein. Das ist ein Film zum verlieren und wegträumen.

    LG Ines von Motion Picture Maniacs