„Deadpool“ (2015) Kritik: Schaut weg, Kinder!

Bernhard 7. Februar 2016 1
„Deadpool“ (2015) Kritik: Schaut weg, Kinder!

Bisher waren Marvel-Produktionen alles, nur nicht kontrovers: Gute, actiongeladene Unterhaltung für (fast) die ganze Familie. Das Happy-End war nie in Gefahr und die Helden verhielten sich selbst bei den schwierigsten Entscheidungen moralisch immer einwandfrei. Filme zum Entspannen und Sich-Zurücklehnen, in der die Welt noch in Gut und Böse geteilt ist und man immer weiß, welche Seite man wählen muss.

Spätestens nach „Deadpool“ müssen wir uns von der einfachen Schwarz-Weiß-Welt Marvels verabschieden. Der gleichnamige Superheld ist vor allem das nicht: Ein Held. Wade Wilson (Ryan Reynolds) war mal bei den Special Forces, verdient sein Geld jetzt aber als freischaffender Fiesling. Stützpunkt seiner Aufträge ist eine Bar, in der sein Freund Weasel (T.J. Miller) die Biere ausschenkt und er seine erste große Liebe Vanessa (Morena Baccarin) kennenlernt. Alles perfekt – Bis Wade unheilbar an Krebs erkrankt und sich aus Hoffnungslosigkeit ein paar Bösewichten in Anzügen übergibt, die ihn in einer Sondereinrichtung zwar heilen und ihn unverwundbar machen, sein wunderschönes Antlitz aber in eine Fratze á la Freddy Krueger verwandeln.

Eigentlich ist alles in „Deadpool“ alt bekannt, und Regisseur Tim Miller gibt sich kaum Mühe, innovativ zu sein. Die bösen Schergen sind genau wie der finale Stand-off aus einem Grundlagen-Handbuch für Superhelden-Filme entnommen und werden keinen Age-of-Ultron-Veteranen aus dem Sitz reißen.

Deadpool in der Luft (c) 20th Century Fox Deadpool (Ryan Reynolds) im Luftkampf (c) 20th Century Fox

Stattdessen setzt Miller all seine Karten auf die große Neuheit bei Marvel: Einen Antihelden mit Superkräften aber nicht gewillt, diese für das Allgemeingut einzusetzen. Ausgestattet mit einer Zunge, die der Schärfe seiner Messer Konkurrenz macht, schlägt Wade sich mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humor durchs (verschrumpelte) Leben und macht auch vor sich selbst nicht halt. Besonders spaßig dabei auch der Fakt, dass sich Deadpool bewusst ist, in einem Film mitzuspielen und zu einer Zuschauerschaft zu sprechen. Meist zielen seine Sprüche tatsächlich auf den eigenen Film ab, so fragt er die beiden X-Men, die ihm zu Hilfe eilen, ob das Studio kein Geld mehr für die wirklichen Stars hatte. Oder er schwadroniert über gutes Aussehen und Ryan Reynolds (!). Die ganze kontemporäre Popkultur wird in „Deadpool“ auf die Schippe genommen.

Auch die anderen Charaktere im Film haben Spaß daran, über die Stränge zu schlagen und richtig die politisch unkorrekte Sau rauszulassen. Fast scheinen sich die Darsteller gegenseitig darin übertrumpfen zu wollen, die Zuschauer zum Staunen und Lachen zu bringen.

Nachdem man „Deadpool“ gesehen hat, fühlt man sich zunächst erstmal grandios unterhalten, dann aber auch irgendwie erleichtert. Denn zwar ist das Konzept des Films nicht unbedingt neu (man erinnere sich an Kick-Ass oder Super), aber funktioniert hier einfach umwerfend. Wenn man mit den richtigen Erwartungen ins Kino geht, dann kann Millers Meisterstück die Komödie des Jahres sein.

Allerdings sind die Erwartungen wichtig, da, wie schon gesagt, storytechnisch hier auf minimalistischem Niveau gearbeitet wurde nach dem Motto „Lasst es uns so einfach wie möglich machen“. Und gerade gegen Ende wird es ein paar Mal zu offensichtlich, dass unser Antiheld genau entgegensetzt zu einem üblichen Superhelden-Dogma handeln wird. So bleibt dieses Machwerk eine gelungene Parodie auf Marvels weiße Weste, Superheldenfilme und Hollywood und Unterhaltungsindustrie. Für alle, die eine andere Seite als das „Cinematic Universe“ sehen wollen.

Beitragsbild und Video (c) 20th Century Fox

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