„Die Kommune“: Kritik der bitteren Familiengeschichte des Dänen Thomas Vinterberg

Nadine Emmerich 16. April 2016 0
„Die Kommune“: Kritik der bitteren Familiengeschichte des Dänen Thomas Vinterberg

Ein älterer Architekt und Dozent verknallt sich in eine hübsche blonde Studentin. So weit so bekannt. Die Reaktion der Ehefrau ist hingegen eher ungewöhnlich: Statt einen erbitterten Rosenkrieg zu starten, lädt die Betrogene die junge Schönheit als neue Mitbewohnerin in die WG ein. Das Ende ist vorhersehbar: Es klappt nicht. Was derweil funktioniert: Trotz der Tristesse der Ehekrise hat Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ sehr viel Witz. Und was an diesem Film am großartigsten funktioniert: Trine Dyrholm („Who Am I – Kein System ist sicher“) in der Rolle der Gattin, die sich in der Einschätzung ihres Toleranzlevels arg verzettelt. Bei der Berlinale gab es dafür einen Silbernen Bären für die beste Darstellerin.

Kopenhagen in den Siebzigern: Erik (Ulrich Thomsen) und Anna (Dyrholm) sind seit Jahrzehnten verheiratet und scheinbar ein gutes Team. Doch Anna langweilt sich – vielleicht nicht unbedingt in ihrer Ehe, aber im Leben grundsätzlich. Als Erik ein riesiges Haus erbt, wittert die Nachrichtensprecherin die Chance zum Ausbruch aus bürgerlichen Konventionen: Eine Kommune mit guten Freunden und neuen Bekannten soll frischen Wind in den Alltag bringen. „Ein kleines Haus hält unseren Geist klein“, sagt Anna. Was für Erik erst unvorstellbar scheint, wird nach und nach real: Ein neuer Mitbewohner nach dem anderen stellt sich vor und wird basisdemokratisch in die Kommune aus acht Erwachsenen gewählt.

Jüngstes Mitglied der fröhlich und euphorisch startenden WG ist der sechsjährige Vilads. Er hat ein schwaches Herz: „Ich werde nur neun“, erzählt er jedem mit leidendem Blick. Vilads scheint die Kommune zu überfordern, sein schwaches Herz soll sich noch als bedeutungsschwanger erweisen. Auch im Gesicht des zweitjüngsten Mitglieds der skurrilen Hippie-Wohngemeinschaft, Eriks und Annas Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrom Hansen), ist früh das sich ankündigende Unheil abzulesen, mit dem aus der Komödie ein Drama wird. Überhaupt erzählt sich ein großer Teil des Films  anhand von Blicken. Die immer stärker leidende Anna etwa kann die Augen nicht von der schönen Geliebten ihres Mannes lassen.

Und das Martyrium, dem sie sich selbst aussetzt, wird immer schlimmer. Die nächtlichen Geräusche aus dem Schlafzimmer des Ex und seiner 24 Jahre alten Gespielin Emma (Frau Helene Reingaard Neumann) setzen ihr schlimm zu. Schließlich ist die Gedemütigte nicht mehr in der Lage zu arbeiten und erleidet einen Zusammenbruch vor laufender Kamera. Und die ach so tolerante und unparteiische WG schaut lieber weg. Schließlich ist es Freja, die eine krasse Entscheidung trifft, um den Schmerz der freien Liebe zu beenden.

„Die Kommune“ ist ein autobiografisch geprägter Film. Der Däne Vinterberg, Mitbegründer der Dogma-95-Bewegung („Das Fest“) und eigentlich nicht für komische Szenen wie am Anfang seines neuen Films bekannt, wuchs selbst zwölf Jahre lang in einer Kommune auf. Und auch er tauschte nach 17 Jahren Ehe seine Frau gegen eine deutlich jüngere aus – die Darstellerin der Emma. Die Gemeinschaft in „Die Kommune“ dient derweil trotz gemeinsamer Abende am Küchentisch und kollektiven Nacktbadens vor allem als Kulisse, Klischees werden nicht ausufernd zelebriert. Die holt der Regisseur dafür in Interviews mal kurz raus und erzählt: „Ich wuchs in einem großen Haus zwischen Geschlechtsteilen auf.“

Kinostart: 21. April 2016

Beitragsbild: (c) Prokino

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