Filmkritik: Ekel (1965) von Roman Polanski

Florian Erbach 26. Dezember 2013 3
Filmkritik: Ekel (1965) von Roman Polanski

Durch Zufall hörte ich von der sogenannten „Mieter-Trilogie“ von Roman Polanski, die die Filme Ekel (1965), Rosemaries Baby (1968) und Der Mieter (1976) umfasst. In allen Filmen ist die Wohnung der zentrale Schauplatz des Wahnsinns und des Horrors. Ekel (Repulsion) ist nicht nur der Beginn der Trilogie, sondern stellt auch einen sehr frühen Film von Polanski dar und machte mich damit noch neugieriger. Da ich alle drei Filme noch nicht kannte und Roman Polanski (Ghostwriter, Der Pianist, Die neun Pforten) stets für gute Filme steht, war die Hemmschwelle sich dieser Trilogie zu widmen äußerst gering.

Den chronologischen Anfang sollte nun Ekel (1965) bilden, der damit die Messlatte – um dies Vorweg zu nehmen – für die zwei verbliebenen Filme sehr hoch gelegt hat.

Catherine Deneuve als weltabgewandte junge Frau

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© Alive – Vertrieb und Marketing/DVD

Carol Ledoux (Catherine Deneuve) lebt mit ihrer Schwester Hélène einer Wohnung in London. Sie ist jung, bildhübsch und arbeitet als Maniküristin in einem Schönheitssalon. Eigentlich könnte es perfekter nicht sein, doch irgendetwas stimmt nicht. Sie erscheint eigenartig schüchtern, introvertiert und teilweise abwesend. Ganz langsam und behutsam führt Polanski Carol als Figur ein und mit fortlaufender Filmdauer offenbart sich eine zutiefst verletzte, verwirrte und isolierte junge Frau.

Nach außen funktioniert Carol normal, sie meistert ihren Alltag im Schönheitssalon und ist doch immer wieder abwesend. Wohin entschwindet sie? Was veranlässt sie zu diesen Tagträumen? Doch nicht nur das, es zeigt sich schon bald ein weitere Eigenart: Männer sind ihr zuwider. Der Weg von der Arbeit nach Hause wird zur Qual. Fast störrisch und ihre Umwelt um sie herum ignorierend, beschreitet sie den Weg. Als Ziel ihre Wohnung, ihren Zufluchtsort. Doch mittlerweile sieht sie sich auch dort dem Manne ausgeliefert. Der Freund ihrer Schwester scheint Dauergast zu werden und als nun auch noch der gemeinsame Urlaub der Beiden ansteht, gerät das labile Gerüst, welches Carol vor Wahn und vor sich selber schützt, ins wanken. Ihre Wohnung und die Umwelt um sie herum bekommt Risse.

Der Ekel

Es ist nicht nur die Weltabgewandheit, die Tagträumerei, es ist die Umwelt die sie umgibt, die ihr Angst macht. Besonders wird dies an ihrer Phobie vor Männern deutlich. Durch ihre bezaubernde Erscheinung wird die Umwelt gleichmehr für sie zum Feind. Ein Verehrer, weder Monster noch Wiederling, umgarnt sie. Kaum fähig einen vernünftigen Kontakt zu ihm aufzubauen oder seine Annäherungsversuche vollends abzuwehren, schwebt und träumt sie in dieser Welt vor sich hin. Der Mann als Verkörperung des Ekels ist omnipräsent und Frauen scheinen ihm hilflos ausgeliefert. Ein albtraumhafter Tanz zwischen Wahn und Wirklich beginnt. Wie soll sie in dieser sexualisierten Welt bestehen? Die Männer sind überall. Der Ekel ist überall.

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© Alive – Vertrieb und Marketing/DVD

Die Wohnung als Ort der Geborgenheit und des alltäglichen Horrors

Einzig die Wohnung bietet Zuflucht, so glaubt und hofft sie. Doch ihre Stütze, ihre Schwester, ihr scheinbar einziger Halt, ist nicht da und so nimmt der Wahn überhand. Die Zuflucht wird gleichsam zur Falle und die selbst auferlegte Isolation schützt sie weder vor sich, dem Wahnsinn noch vor der Männerwelt.

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Roman Polanski gelingt es in beeindruckender Weise den Ekel, die Abscheu von Carol vor der Männerwelt, darzustellen. Da der Film komplett in Schwarz/Weiß gehalten ist, kann Polanski geschickt mit Schatten und Licht agieren und schafft so eine äußerst beklemmende Atmosphäre. Mal von treibender Jazzmusik, mal von Paukenschlägen unterlegt, sind die Szenen in der die Angst und der Wahn sich offenbaren von großer Wirkung. Catherine Deneuve spielt sehr glaubhaft das schüchterne Mädchen, welches sich im Verlauf des Filmes zu einer von Psychose und von Phobien gelenkten Person wandelt. Der Zuschauer ist dank der Kameraeinstellungen immer wieder Teil des Geschehens und kann aus der Sicht von Carol die Welt wahrnehmen, was dem ganzen einen zusätzlich verstörenden Aspekt verschafft.

Ekel ist kunstvoll und reich an Metaphern und damit gleichsam vielschichtig zu deuten: Was ist, wenn nicht Carol krank ist, sondern die Welt um sie herum? Was ist, wenn ihr Wahn nicht die Folge von Krankheit ist, sondern einfach nur ihre Unangepasstheit symbolisiert und die Isolation die Folge? Liegt ihre Andersartigkeit in ihrer Kindheit begründet oder ist sie schon immer so? Die Wohnung kann ebenso als Symbol für denn alltäglichen Horror, für Isolation und gleichzeitig für Schutz stehen. Sie ist in unser aller Leben präsent. Die Zerrissenheit von Carol äußert sich nicht nur in ihren Handlungen, sondern wird auch an Rissen in ihrer direkten Wahrnehmung, in ihrer Umwelt deutlich.

Fazit:

Ekel ist ein beeindruckender, verstörender und sehr subtiler Thriller. Die Isolation, Wahnsinn und der Alltagshorror sind aus der Perspektive von Carol meisterhaft von Roman Polanski inszeniert worden. Sehr sorgsam stellt er die Figur Carol vor und bestimmt damit auch das Tempo des Films, der gerade zu Beginn für den ein oder anderen vielleicht einen Ticken zu langsam erscheinen möge. Doch gerade hier liegt die Stärke von Ekel. Trotz seines hohen Alters hat Ekel wenig von seiner beklemmenden Atmosphäre eingebüßt. Gerade im Vergleich zu den „bunten“ Thrillern und effektüberladenen Horror-Filmen bildet Ekel eine wundervolle Abwechslung. Es ist nicht zu letzt auch die Thematik der Anonymität der Großstadt, die auch heute noch ein Thema ist. Die teilweise ungewöhnlichen Schnitte, die Kamereinstellungen und die stets latente Bedrohung sorgen für großen Filmgenuss. Ein Meisterwerk des subtilen Thrillers! Absolut sehenswert! 4/5

Filmkritik: Ekel (1965) von Roman Polanski

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