Kritik zu „Brimstone“ – Western ohne Sonnenaufgang

Christoph 4. November 2017 0

Brimstone spielt im wilden Westen, von rauchenden Colts und Cowboys gibt es jedoch wenig zu sehen. Die junge Liz, gespielt von Dakota Fanning („Krieg der Welten“, „Nightmoves“ ), ist in ihrer Kirchengemeinde eine stumme Hebamme, lebt zusammen mit ihrer leiblichen Tochter und ihrem Mann Eli mit dessen Sohn auf einer Schafsfarm. Als ein neuer Prediger (Guy Pearce) in der Gemeinde erscheint, erstarrt Liz bereits nur beim Brodeln seiner Stimme. Was sie verbindet, wird nicht verraten. Liz muss sich daraufhin bei einer komplizierten Geburt entweder für das Leben des Kindes oder das der Mutter entscheiden. Als sie die Mutter rettet und den noch nicht geborenen Sohn tötet, ist im Verhalten der anderen zu erkennen, welchen Stellenwert Frauen in der Gesellschaft zu dieser Zeit haben. Die Geschichte, die den Reverend und Liz verbindet, wird anachronistisch in vier Akten, die biblische Epochennamen tragen, erzählt.

Dies ist jedoch nur der Anfang dieses Schwergewichts von Film. Den Inhalt hätte sich so manches Studio sicherlich gern als Serie vergüten lassen. Aber man merkt, dass Martin Koolhoven bei der Regie und dem Drehbuch volle künstlerische Freiheit bekommen hat, die weit über die alltäglichen Grenzen der Filmindustrie hinaus geht. Die Kapitel dieses Leidens-Epos sind sehr gut geschrieben und gehen spannend mit der stückchenweisen Fütterung von Informationen an den Zuschauer um. Eigene Vermutungen zu den Figuren und deren Zusammenhänge führen zu gekonnten Wendungen in der Handlung. Dies muss man Koolhoven lassen, Brimstone erzählt die Geschichte spannend und beschränkt sich auf das Wesentliche: das Erzählen durch Bilder und Ereignisse, ohne die einfache Hilfe von Dialogen.

Handwerklich und technisch ist der Film definitiv überzeugend. Die Schauspieler zeigen eine bemerkenswerte Darstellung, selbst „Game of Thrones“ Star Kit Harrington ist in einer Nebenrolle gut besetzt. Die Präsentation der schlimmen Dinge, die Liz und anderen widerfahren, sind jedoch so quälend realitätsnah, dass man sich selbst vor Unbehagen wieder in den Kinosessel zurückflüchtet. Die dunkle Vergangenheit, die den Prediger als Reinkarnation des Bösen und Liz als schwache Frau ohne jegliche Rechte verbindet, lässt sich nur erahnen. Als jedoch die Kamera den Blick freigibt, ist man als Zuschauer nicht darauf vorbereitet: Kinder sterben und werden geschlagen, Frauen werden wie Dreck behandelt, sind nicht mehr als Mittel zum Zweck und der Missbrauch beider steht in einem andauernden Schlagabtausch auf der Szenenliste. Die Hoffnung ist ein schlechter Wegbegleiter für diejenigen, die sich diesen Gift und Galle spuckenden Film ansehen möchten. Vor allem, wenn Brimstone als Spiegelbild der Frauenrolle in der Gesellschaft verstanden werden will.  Das weibliche Geschlecht kann das maskuline Böse kaum besiegen, es ist übermächtig, vor allem wenn es noch von einem irren Glauben begleitet wird, der jede Gräueltat nur nach Auslegung rechtfertigt.

Es sollte die Frage gestellt werden, warum Koolhoven so einen Film machen musste! Sein Name wird mit viel Selbstbewusstsein über dem Titel genannt, was auf eine Verbundenheit zum Inhalt hindeutet. Filme sollen sicherlich nicht immer unterhalten, sie sind auch Kunstwerke und die wollen und sollen positive gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen oder soziale Missstände aufdecken. Brimstone ist jedoch weit davon entfernt. Es ist eine Qual für jeden, der Unrecht schwer ertragen kann und an Gerechtigkeit glaubt. Brimstone hat sich in meinen Augen durch sein Maß an Perversion und Leid den Anspruch auf Kunst verwehrt. Nicht etwa durch die verherrlichende Darstellung von Gewalt gegenüber Schwachen, sondern in der Passivität des Filmemachers eine Lösung anzubieten. Entweder er verarbeitet gnadenlos eigenes widerfahrenes Leid oder er fleht um Aufmerksamkeit. In beiden Fällen fällt es mir schwer, einen Zugang zu finden.

Kinostart ist der 30.11.2017

Date Published: 11/01/2017

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