„Mein Herz tanzt“ Kritik: Pubertät zwischen Israel und Palästina

Morgane Llanque 2. April 2015 0
„Mein Herz tanzt“ Kritik: Pubertät zwischen Israel und Palästina

Das Palästina der 80er Jahre. Aufwachsen zwischen Palmen und Wüsten, Muezzin-Gesang und Sirenenalarm. Aufwachsen im Herd eines der ältesten und kompliziertesten Konflikte der Welt.

Für Eyad (Tawfeek Barhom) ist die Feindschaft zwischen Juden und Arabern keine politische Auseinandersetzung, die zur Debatte steht, sondern gnadenloser Alltag. Er wächst als Sohn eines palästinensischen Widerstandskämpfers und Nationalisten auf, als kleiner Junge erzählt er dem jüdischen Austauschschüler aus Jerusalem stolz: „Mein Vater ist Terrorist!“

Vor allem seine Mutter versucht ihm von diesem Gedankengut abzuschirmen, doch auch der Vater selbst will eine andere, sicherere Zukunft für seinen hochbegabten Sohn: Eyad ist ein Mathematikgenie. Deshalb wird er-als einziger Palästinenser überhaupt- an einem Elite- Internat in Jerusalem aufgenommen. Hier wird er das erste Mal damit konfrontiert werden, was es heißt, ein Araber unter Juden zu sein. Und hier wird er sich das erste mal verlieben: In die Jüdin Naomi.

In seinem neuen Film Mein Herz tanzt (Dancing Arabs) erzählt der israelische Regisseur Eran Riklis wieder einmal eine Geschichte aus dem Nahen Osten, dem Ort der Widersprüche. Schwarzweißmalerei wird man vergeblich suchen – Auf der Basis des gleichnamigen und halbbiografischen Romans von Sayed Kashua, der auch  das Drehbuch des Films verfasst hat, zeigt er eine zerrissene Jugend, die von Hass und Liebe, Wärme und Intoleranz auf beiden Seiten geprägt wird, Palästina und Israel. Die politische Botschaft ist ein Toleranz-Appell an beide.

Dieser klingt wird vor allem aus der Freundschaft Eyads mit einem jüdischen Jungen hervor: Der Musikbegeisterte und zynische Yonatan (Michael Moshonov) leidet an schwerer Multipler Sklerose. Mit jedem Jahr wird er mehr und mehr zum Gefangenen seines eigenen Körpers – Seine Beine kann er nicht mehr bewegen, sein Nervensystem versagt. Für ihn steht fest: Wenn schon nicht dieselbe kulturelle Identität, teilen er und Eyad zumindest die Außenseiterrolle. Zu Beginn nur widerwillig durch ein Sozialprojekt der Schule zusammengeführt, schließen die beiden bald eine tiefe Freundschaft: Wo Eyad Yonatan im Rollstuhl durch die Gassen Jerusalems fährt, hilft Yonatan ihm bei der Vertuschung seiner Beziehung zu Naomi (Danielle Kitzis), deren palästinenserfeindliche Eltern die Beziehung genauso wenig akzeptieren könnten wie Eyads Vater.

Sowohl Yonatan als auch Naomi und Eyads Familie wünschen sich, dass Eyad einen Platz in der Gesellschaft findet, der seinen Fähigkeiten und nicht seiner Ethnie geschuldet ist. Doch an ihren unterschiedlichen Vorstellungen und Vorurteilen droht Eyad zu zerbrechen. Er beginnt zu begreifen, dass die Gesellschaft es ihm unmöglich macht beides zu sein: Araber und Israeli. Wenn er sein Leben nach seinen eigenen Wünschen gestalten will, muss er sich seine eigene, ungeteilte Identität schaffen – Auch wenn das erfordert, die Identität eines anderen zu stehlen.

Eran Riklis ist mit Mein Herz Tanzt nach seinen beiden Welterfolgen Die syrische Braut und Lemon Tree erneut ein emotionales und bewegendes Werk über die Absurdität des Nah-Ostkonfliktes gelungen.

Ein großartiges Drehbuch und die gelungene Kombination aus überzeugenden Nachwuchsschauspielern und israelischen Größen wie Yaël Abecassis leisten das übrige.

Dabei ist die deutsche Übersetzung des politisch konnotierten Originaltitels „Dancing Arabs“ mit  „Mein Herz tanzt“ eine unglückliche Wahl.  Sie reduziert ein einfühlsames, aber auch hart realistisches Portrait eines Jungen, der sich  in den politischen und kulturellen Wirrungen seiner gespaltenen Heimat behaupten muss, auf eine reine Love-Story. Diese ist zwar essentieller Bestandteil der Geschichte, jedoch auf keinen Fall ihr Zentrum. Nie verlässt Riklis den Fokus auf Eyads Kampf um Selbstfindung. Dabei herausgekommen ist mitnichten ein idealistisches Märchen. Denn obwohl Eyad offensichtlich ein gutes Herz und eine bewundernswerte Ausdauer und Willensstärke besitzt, so wird im Laufe des Filmes klar: Er ist ein Pragmatist, der auch das Gesetz brechen wird, um zu erreichen, was ihm seiner Überzeugung nach zusteht.

Letztendlich ist Mein Herz tanzt ein vielseitiges und intelligentes Portrait nicht nur eines widersprüchlichen Menschen, sondern auch und einer widersprüchlichen Region: so reich an Kulturen, Religionen und Landschaften, so arm an Frieden und Toleranz.

Mein Herz Tanzt startet am 21. Mai.2015 in den deutschen Kinos.

Beitragsbild: (c) NFP

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