«The Good Neighbor» Kritik: Ein Psychothriller über einen misslungen Teenager-Streich

Eugen Zentner 21. Januar 2018 0
«The Good Neighbor» Kritik: Ein Psychothriller über einen misslungen Teenager-Streich

Wo Nervenkitzel Programm ist, darf eine Found-Footage-Aufmachung nicht fehlen. Dieses Stilmittels bedient sich auch der Regiedebütant Kasra Farahani, dessen Film «The Good Neighbor» zwischen Psycho- und Gerichtsthriller changiert.

„Jeder hat ein dunkles Geheimnis“. Mit diesem Untertitel legt Regiedebütant Kasra Farahani die erste Fährte, die sich im Laufe des Films als falsch erweist. Und sie bleibt nicht die einzige. Wer in i n «The Good Neighbor» ein dunkles Geheimnis zu haben scheint, ist der mürrische Mr. Harold Grainey (James Caan), jedenfalls aus Sicht der beiden Highschool-Schüler Ethan (Logan Miller) und Sean (Keir Gilchrist).

Die Jugendlichen sind dem alten Nachbarn gegenüber stark voreingenommen und halten ihn für einen widerlichen Psychopathen, der Tiere vergiftet und sogar seine Frau geschlagen haben soll. Deswegen wollen sie ihm eine Lektion erteilen. Um Grainey das Fürchten zu lehren, verwanzen sie dessen Haus mit Überwachungskameras und verschaffen sich mithilfe anderer elektronischer Vorrichtungen die Kontrolle über sämtliche Gegenstände, die sie über eine Fernbedienung steuern können. Auf diese Weise soll dem Rentner vorgespielt werden, dass es in seinem Haus spuckt. Dieser Effekt allein reicht den Highschool-Schülern aber nicht aus. Ganz nebenbei streben sie mit dem Experiment Ruhm in den sozialen Medien an, weshalb Ethan und Sean nicht nur Grainey, sondern auch sich selbst bei der Durchführung des Projekts filmen.

Mit vollmundigen Ansagen bereiten sie ihre Anhänger auf das spektakuläre Unternehmen vor. Sie schüren Spannung und versprechen atemberaubende Unterhaltung. Als dann in Graineys Haus schließlich Türen knallen, die Fenster zufallen und die Stereoanlage automatisch zu laufen beginnt, zeigt sich der alte Nachbar jedoch ziemlich unbeeindruckt. Anstatt in Panik zu verfallen, versinkt er in Gedanken, die Regisseur Kasra Farahani als Rückblenden inszeniert. In ihnen scheint der eigenbrötlerische Nachbar dem Bild zu entsprechen, das die beiden Highschool-Schüler von ihm haben. Dass diese Erinnerungen nur zur Hälfte erzählt sind, wissen die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Auflösung kommt erst kurz vor dem Abspann. Zuvor bemerken die Jugendlichen, dass Grainey nachts mehrere Stunden im Keller verbringt. Hat der schrullige Nachbar tatsächlich ein dunkles Geheimnis? Und wenn ja, welches? Ist er vielleicht sogar ein Mörder? Diese Fragen treiben die Teenager um. Denn sie haben es versäumt, ihre Überwachungskameras auch in Graineys Keller anzubringen. Deshalb müssen mit ihnen auch die Zuschauer rätseln. Die Spannung steigt schließlich, als Ethan, der waghalsigere von beiden, beschließt, das Geheimnis zu lüften.

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«The Good Neighbor» setzt bewusst auf Nervenkitzel, indem er bei Hitchcock Anleihen macht. Einige Referenzen auf dessen «Fenster zum Hof» sind kaum zu übersehen. Anders als der Altmeister setzt Kasra Farahani aber weniger auf Suspense als auf die Found-Footage-Aufmachung, die nach Filmen wie «The Blair Witch Project» und «Paranormal Activity» in dem Horror- und Thriller-Genre als Erfolgsformel zu gelten scheint. Deshalb sind auch in «The Good Neighbor» die Bilder oftmals verwackelt, um bei den Zuschauern ein Gefühl zwischen Angst und Lust auszulösen.

Für weitere Spannung sorgen einige Vorblenden, die verraten, dass das Experiment der Highschool- Schüler nicht nach Plan verlief. Beide sitzen vor Gericht und müssen sich rechtfertigen. Was genau geschehen ist, bleibt jedoch lange Zeit offen. Mit diesen stilistischen Mitteln gelingt es Farahani, tatsächlich Neugier zu wecken. Was treibt der mürrische Nachbar im Keller? Was hat er verbrochen? Was ist beim Showdown passiert? Diese Fragen drängen immer stärker nach einer Antwort. Doch so schnell man sie geliefert haben möchte, so groß ist die Enttäuschung, als der Film die Hüllen fallen lässt. Graineys Geheimnis erweist sich als gar nicht so dunkel, und das Finale, das die beiden Highschool-Schüler auf die Anklagebank katapultiert, ist so kurz und schmerzlos, dass es für einen Psycho-Thriller recht spröde wirkt.

Wenn alle wichtigen Fragen beantwortet sind, liefert «The Good Neighbor» nur wenige Gründe, ihn ein zweites Mal anzuschauen. Der Film weist keine komplexe Handlung auf, verknüpft so gut wie keine Nebenstränge, verleiht seinen Figuren keine psychologische Tiefe und bietet kaum Schauwerte. Sehenswert ist lediglich James Caan («Der Pate»), der es mit seinem zurückgenommenen Spiel bravourös schafft, dass der alte Grainey undurchschaubar und unheimlich erscheint. Mit einer solchen Leistung können die beiden jüngeren Darsteller leider nicht aufwarten. Das liegt aber zum Teil daran, dass Farahani sie eine gefühlte Ewigkeit auf ihre Bildschirme starren lässt. Die gleiche Begeisterung an den Tag zu legen, dürfte den Zuschauern eher schwer fallen.

The Good Neighbor ist seit dem 17. November als DVD, Blu-ray und Digital erhältlich.

«The Good Neighbor» Kritik: Ein Psychothriller über einen misslungen Teenager-Streich
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