„Wiener Dog“ Kritik: Sarkastisches Mosaik vom traurigen Leben

Jonas Gröne 9. Oktober 2016 0
„Wiener Dog“ Kritik: Sarkastisches Mosaik vom traurigen Leben

„Irgendwann sterben wir alle!“, sagt ein Junge im Film. Trostlose Worte. Ganz schön dramatisch. Gewiss sind sie in unserer Welt schon gefallen. Mehrmals. Vielleicht zu oft. Vielleicht hatte man sie gestern gesagt. Als man sich Ärger einfuhr, den Bus verpasste. Ganz im Affekt einfach so, man dachte sich nichts bei. Vielleicht weiß man es nicht mehr. In dieser Welt vermag man bisweilen, vieles nicht mehr zu wissen. Aber eines wiegt sich in unserem Sinnen wohl am schwersten – Gedanken an den Tod. Jene Gedanken sind so gar nicht von der Sparte Tagtraum, die sich genüsslich mit Urlaubsillustrierten und Hollywoodplakaten generieren lassen. Um dem Tod aber zu begegnen, muss der Mensch heute entweder, wiederfährt gewöhnlich allen Lebenden, schon sein physisches Lebensende erreicht haben oder er denkt eben über den Tod nach. Über den Tod nachdenken?

Genau das macht auch Wiener Dog, der neue Film vom US-amerikanischen Regisseur Todd Solondz. Aber nicht nur der Tod, sondern auch das Leben sind Thema des Films. Nun ist aber dem Leben und Tod beizukommen, eine heikle Angelegenheit. Zu bunt, schwarz, weiß, konträr. Wie da den richtigen Ton treffen? Solondz, den die Filmwelt schon als „light“ geworden empfunden hatte, rührt so kräftig auf der Sarkasmustrommel, dass die Düsternis schon bald über die Komik siegt und sich anfühlt, als schneide der Film direkt ins Fleisch des Lebens. Wiener Dog macht keine Kompromisse.

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Es sind vier Geschichten. Vier Erzählungen von Leben und Tod. Sie alle sind durch einen schokoladig anmutenden Dachshund miteinander verwoben. Obwohl der Wiener Dog, wie er von dem krebsgeheilten Jungen Remi anfangs genannt wird, nur so etwas wie ein Thema, ein Motiv des Films ist, das durch die Geschichte führt, versprüht dieser als „tapfer“ geltende Hund einen bedenkenlosen Anschein von Verständigkeit. Er ist es auch, der in all den Geschichten den Beteiligten Linderung schafft vom Leid des Lebens. Denn die Protagonisten leiden. Der vom Krebs geheilte Remi (Keaton Nigel Cooke) macht mit Wiener Dog eine zerstörerische Kissenschlacht. Er wird das erste Mal wieder echten Spaß gehabt haben. In tragender Zeitlupe strahlt und springt der Junge. In den drei folgenden Handlungen trifft Wiener Dog, ob als Kaka oder Tumor genannt, auf die unsichere nach Leben suchende Dina (Julie Delpy), den freudlos deprimierenden Drehbuchautor Dave Schmerz (Danny DeVito) und eine alt verbitterte Großmutter Nana (Ellen Burstyn). Sie alle sind Bilder ihrer Geschichte und haben gegen Leben oder Tod zu kämpfen. Es sind Szenen des Films, die zum Schmunzeln animieren und analog verdüstern, traurig werden lassen. Denn es fließt eine stille Melancholie, die in Szenen immer wieder als schmerzende Nadelstiche aufblitzen. Diese Geschichten fühlen sich in ihrem Kern als unverworfene Realitätsaufnahmen an, die in ihren fiktiven Wahrheiten nicht lügen können. Wie apodiktisch der watschende Danny DeVito als Dave Schmertz bei seinem sorgenvollen Arzt, der ihn zum Sport animiert, sitzt und sagt: „Ich kann das nicht.“ Als habe er keine Wahl, als gebe es nur dieses Nichtkönnen, schüttelt Schmertz entschieden den Kopf: „Ich kann das nicht“ Keine Erklärung gibt es hierfür, nur, dass er es nicht kann. Seine Gestik dabei wirkt zunächst komisch, danach traurig. In dieser Mixtur spielt Solondz das Spiel. Und er spielt es gut. Vielleicht muss das Spiel des Lebens auch so gespielt werden. Alles mit einer gewissen Komik auf der Zunge. Ob nun die Einstellung auf prächtige Straßenkotpfützen fährt oder der Wiener Dog in hedonistischem Gang durch Eisgletscher marschiert. Der leichte Blick tut auch gut. All die Lebenseinblicke treffen auf den Tod, als führe Solondz sie genau in diesem Fixpunkt zusammen. Remi, grad erst vom Tod geheilt, fragt: „Der Tod ist also eine gute Sache?“ Oder die alte Nana, die mit ihrem Tumor und ihrer ausgelasteten Lebensspanne ebenfalls kurz vor dem Ende steht, weiß um das Thema des Todes bescheid: „Jeder muss sterben.“ Deswegen nannte sie den Wiener Dog auch Tumor.

Solondz gelingt mit Wiener Dog ein elegisches Kompositionsmosaik, in welchem der Regisseur mit beispiellosen Schauspielern, die größtenteils arg gebeutelte Figuren wiederspiegeln, einen feuchtfröhlichen Angriff auf Leben und Tod startet. Dieser Solondz ist nicht „light“ geworden. Es scheint, als legt der Regisseur und auch Drehbuchautor zum Film, ein Manifest gegen seine Kritiker. Das Autorenkino kann dafür dankbar sein, wenn dabei Filme wie Wiener Dog rumkommen.

In seinen 88 Minuten begegnet Wiener Dog fast nur Menschen aus der Mittelschicht. Sie kämpfen im Leben, suchen nach Glück, Erfolg, Sinn. Das Leben stellt für sie mehr Herausforderung, als Chance. Der Regisseur bewies schon in der Vergangenheit mit dem satirischen Adoleszenz-Drama Welcome To The Dollhouse sein Favour für soziologische Studien. Er zeigt, dass diesem Thema Leben wohl nur mit einem beizukommen ist: Dem richtigen Witz an der Sache. Und trotzdem zieht dieser Witz eine traurige Spur.

Ab dem 29. November ist Wiener Dog auf DVD und Blu-Ray erhältlich. Als Video-on-demand bereits ab dem 22. November.

OT: Wiener Dog

Regie: Todd Solondz

Länge: 88 Minuten

Gerne: Drama/Comedy

Beitragsbild: © Prokino / *AffiliateLink

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