„A Girl Walks Home Alone At Night“ Kritik – Eine Geschichte der wenigen Worte

Tobias Ritterskamp 28. August 2015 0
„A Girl Walks Home Alone At Night“ Kritik – Eine Geschichte der wenigen Worte

Ana Lily Amirpour wurde 1980 als Tochter iranischer Eltern in England geboren und kurze Zeit später zog es sie mit ihrer Familie nach Florida, später dann nach Kalifornien, wo sie Schauspiel und Regie an der UCLA studierte. „A Girl Walks Home Alone At Night“ ist also der Film einer amerikanisch-iranischen Regisseurin, gedreht übrigens in Kalifornien. Und wie so oft bei in Deutschland gezeigten Filmen, die im Iran gedreht wurden oder deren Regisseur/Regisseurin iranischer Abstammung ist, kommt gerne mal die Frage auf, inwiefern das jeweilige Werk als Allegorie auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen ist. Beinahe empörend scheint es, sich dies nicht zu fragen, ist man einen hierzulande kritischen Blick auf das iranische Kino doch gewohnt. Eine Affinität zum Schubladendenken macht sich in dieser Hinsicht bemerkbar, die häufig jedoch unumgänglich ist. Und bei diesem Film?

Amirpours Langspielfilmdebüt, basierend auf einem eigenen Comic, hatte seine Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival 2014 und spielt im fiktiven Ort Bad City, ein Moloch der Verdammten, ja der Gesetzlosigkeit, eine Geisterstadt und inmitten wie von selbst gesteuerte Ölraffinerien, dazu noch eine offen zugängliche Leichengrube. Es ist eine Gegend, die man der Sünde wegen lieber umfahren möchte. Sin City lässt grüßen. Hier wohnt der Jugendliche Arash (Arash Marandi) zusammen mit seinem drogenabhängigen und hochverschuldeten Vater Hossein (Marshall Manesh). Nachdem er beim Dealer und Zuhälter Saeed (Dominic Rains) seine Schulden nicht bezahlt, muss der sportliche Ford Thunderbird des jungen Mannes als Entschädigung herhalten. Wütend zieht er durch die Straßen, bis er eines Nachts auf ein mysteriöses Mädchen (Sheila Vand) trifft, eine Vampirin.

Sie, einfach nur „The girl“ genannt, gleitet unschuldig, fast schon schwebend in ihrem Tschador durch die Nacht, immer auf der Suche nach Nahrung. Unheimlich kommt sie daher, denn sie ist den Menschen fremd. Der Fremde, so Simmel, ist uns nah und doch so fern. Was nach einem Paradoxon klingt, ist keins, denn obgleich der geringen räumlichen Distanz zu den Subjekten in ihrer Umgebung, so ist „The girl“ ihnen doch so fern, da ihre Eigenschaften einem anderen Ort angehören, einer anderen Welt, der mythologischen nämlich. Das erste Opfer ist schnell ausgemacht. Vorher noch beim Akt im Auto mit einer seiner Prostituierten aus der Ferne beobachtet, trifft Saeed kurz darauf die blutdürstige Schattengestalt. Sie gehen zu ihm. Er zieht einige Lines, zählt sein Geld, stemmt prollig seine Hanteln und vollzieht dann voller Hemmungslosigkeit seinen Balztanz, nur um anschließend von der Vampirlady totgebissen zu werden. Das Mädchen wird zur Rächerin, die hier symbolisch stellvertretend für die benachteiligten Frauen im Iran die patriarchalischen Strukturen zum Bröckeln bringt. So und auch anders ließe sich die Szene deuten, denn „Film is a mirror and everybody is going to see what they bring into it“, so Amirpour.

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Von Drogen berauscht, gabelt „The girl“ Arash eines Nachts auf der Straße auf. Sie nimmt ihn mit zu sich, auf einem Skateboard, dass ursprünglich nicht ihr gehört. Wie könnte sie auch diesem aus der Zeit gefallenen James Dean widerstehen? Man taucht ein in eine beinahe kellerähnliche Bleibe, die mit allerhand popkultureller Zitate geschmückt ist. Hier ein Poster der Bee Gees, dort eines von Madonna und die Discokugel tanzt zum Klang der White Lies und ihrem Song „Death“. Langsam nähert sich Arash dem Mädchen, nun in gestreiftem Pulli gekleidet. Für einen kurzen Moment ist sie nicht länger gefühlskalte Todesbotin. Stattdessen betritt sie das Reich der Sehnsüchte ohne ihr mythologisches Dasein zu gefährden und eine Liebesgeschichte bahnt sich an.

Ana Lily Amirpour setzt ihr Langspielfilmdebüt gekonnt in Szene. Die Story ist zwar simpel, sodass man sich umso glücklicher schätzen kann, dass platte und vor Pathos strotzende Dialoge hier keinen Platz finden. Vielmehr erzählt Amirpour die Geschichte durch Blicke, Gesten und lange Kameraeinstellungen. In dieser Hinsicht wirkt der Dialog zwischen „The girl“ und einer Prostituierten aufgrund seiner Plattheit schon fast fehl am Platze. Trotz zahlreicher popkultureller Reminiszenzen und genrefilmspezifischer Referenzen ist der Regisseurin ein ganz eigenständiges Werk gelungen, ein Film jenseits von Raum und Zeit und doch in die Zukunft gerichtet.

A Girl Walks Home Alone At Night erscheint am 28. August auf DVD und Blu-ray.

Beitragsbild: (c) capelight

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