«Love, Cecil» Kritik : klassische Dokumentation über einen vielseitigen Fotografen

Eugen Zentner 11. Juli 2018 0
«Love, Cecil» Kritik : klassische Dokumentation über einen vielseitigen Fotografen

Cecil  Beaton war eine schillernde Figur. Als Modefotograf prägte er das 20. Jahrhundert, als Mensch konnte er oft und gerne anecken. In ihrer Dokumentation versucht Lisa Immordino Vreeland möglichst alle Seiten des 1980 verstorbenen Briten zu zeigen. 

Der großen Masse dürfte Cecil Beaton unbekannt sein. In der Mode-Fotografie ist er hingegen eine Institution. Seit den 1920er Jahren prägte der Engländer das Genre wie kein anderer. Ihn allein als Fotograf zu bezeichnen, wäre jedoch alles andere als gerecht. Er war so viel mehr: Schriftsteller, Kostümdesigner,  Bühnenbildner,  Maler,  Illustrator  und  Dandy.  Was  davon  am  ehesten  auf  ihn zutrifft, konnte Beaton selbst nicht beantworten. In einer der Anfangsszenen von Lisa Immordino Vreelands Dokumentation «Love, Cecil» sagt der Künstler einem Interviewer, dass ihm diese Frage schon immer Kopfzerbrechen bereitet habe.

In  Filmausschnitten  wie  diesen  wird  sehr  schnell  klar,  dass  Beaton  zu  den  schillerndsten Persönlichkeiten  des  20.  Jahrhunderts  gehörte.  Er  war  exzentrisch,  stets  extravagant  gekleidet, arrogant,  provokativ,  aber  auch  charmant  und  höchst  eloquent.  Seine  jugendliche  Vorliebe  für stilvolle Outfits führte ihn zur Fotografie. Obwohl er nur mäßig begabt war, stieg er zum Meister seines Fachs auf. Der Engländer brachte sich nicht nur autodidaktisch das Handwerk bei, er suchte auch stets nach neuen Ausdrucksformen, wobei ihm vor allem das Theater als Informationsquelle diente.  Diese  völlige  Hingabe  brachte  ihm  einen  gut  bezahlten  Job  bei  der  Vogue  und  später mehrere Engagements in Hollywood ein, wo er bei Filmen wie «My Fair Lady» als Bühnenbildner mitwirkte. Zwischendurch arbeitete am britischen Hof und porträtierte die königliche Familie. Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch.

Viele Kollegen und Konkurrenten bewundern ihn noch heute. Sie lässt die Regisseurin genauso zu Wort  kommen  wie  andere  Zeitzeugen  aus  der  Welt  der  Kunst.  Autoren,  Schauspieler,  Maler, Vogue-Redakteure und Designer rühmen Beatons Gespür für Stimmung und Hintergrund, vor den er  seine  Models  posieren  ließ.  Viele  seiner  Fotografien  montiert  Vreeland  gekonnt  mit Archivaufnahmen  des  Künstlers  oder  dessen  Wirkungsstätten.  Manche  dieser  Bilder  ergänzt  sie durch Beatons Tagebucheinträge, die der Schauspieler Rupert Everett vorliest. Die geschliffenen, ja poetischen  Passagen   bezeugen,  welch  exzellenter  Schriftsteller  der  1980  verstorbene  Brite  auch war.

Als Künstler nötigte Beaton so gut wie allen Respekt ab. Als Mensch galt er als höchst umstritten, wie die Dokumentation deutlich vor Augen führt. Manche Zeitzeugen fanden ihn eher schwierig, andere berichten in Interviews, dass Beaton selber mit Passion hassen konnte. Er hatte auch gar kein Problem  damit,  seine  Feinde  öffentlich  zu  nennen.  In  einem  Filmausschnitt  zählt  er  sie  auf und wählt das eine oder andere unschöne Adjektiv.

Lisa  Immordino  Vreeland,  die  zuvor  eine  Dokumentationen  über  die  Kunstsammlerin Peggy Guggenheim  drehte, versucht in ihrem Film ein möglichst vielseitiges Porträt des Fotografen zu zeichnen. Ebenso bemüht sie sich um eine spannungsreiche Dramaturgie mit Höhen und Tiefen, auch wenn Beatons Leben und Karriere nur eine Richtung kannte. Über einen Mangel Erfolg durfte sich  der  Brite  wahrlich  nicht  beschweren.  Nur  ein  einziges  Mal  erlebt  er  einen  Karriere-Sturz, nachdem  er  in  eine  Illustration  unbedacht  das  Wort  „kike“  einstreute  –  eine  abwertende Bezeichnung  für  Jude.  Beaton  stand  daraufhin  unter  Anti-Semitismus-Verdacht  und  verlor  seine Stelle bei der Vogue.

In der Dokumentation wartet man jedoch vergebens, bis der verhängnisvolle Ausdruck erklärt wird. Generell  gehört  es  zu  den  Schwächen  des  Films,  dass  er  bisweilen  zu  viel  Bildungs-  und Kunstwissen  voraussetzt  und  dadurch  an  manchen  Stellen  genauso  arrogant  wirkt  wie  sein exzentrischer  Held,  den  er  einem  größeren  Publikum  näher  zu  bringen  versucht.  Das  macht  die Regisseurin  jedoch  durch  das  Bemühen  wett,  anhand  des  Archivmaterials  ergründen  zu  wollen, welchen Begriff Beaton von Schönheit und Kunst hatte. Die Antworten des legendären Fotografen bleiben  erwartungsgemäß  subjektiv.  Das  Gleiche  kann  man  von  «Love,  Cecil»  nicht  sagen.  Die Dokumentation  ist  überwiegend  objektiv,  in  ihrer  Machart  eher  klassisch  –  aber  durchaus sehenswert.

Kinostart für „Love, Cecil“: 12. Juli

Beitragsbild (c) STUDIOCANAL

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