„The Homesman“ Kritik – Mister Jones, Sie brummen so gut

Tobias Ritterskamp 13. April 2015 0
„The Homesman“ Kritik – Mister Jones, Sie brummen so gut

Er ist der „grumpy old man“ von Hollywood, ein oscarprämiertes „Grummelchen“, wenn man so will, das mir obgleich seiner Bärbeißigkeit – Barbara Schweizerhof bezeichnet ihn gar als den „Meister der Brummigkeit“ – aus unerklärlichen Gründen sehr sympathisch erscheint. Die Rede ist von Tommy Lee Jones, ein Mann, der nicht nur die hohe Kunst des Brummens und Schauspiels beherrscht, sondern auch etwas vom Regiehandwerk versteht. In seiner dritten Regiearbeit The Homesman, basierend auf Glendon Swarthouts gleichnamigen Roman aus dem Jahre 1988, begibt sich Tommy Lee Jones auf einen Trip durch die karge Prärie des Nebraskas der 1850er Jahre, wo Mensch und Natur ungestört aufeinander treffen können.

Doch was geschieht, wenn es keinen Kompromiss mehr zwischen der Ungestörtheit des Menschen und der Isolation gibt? Hilary Swank spielt die 31-jährige toughe, streng christlich geprägte und alleinstehende Farmerin Mary Bee Cuddy. Sie ist auf der Suche nach einem Mann zum Heiraten, schließlich habe eine Ehe jede Menge Vorteile, erklärt sie dem potenziellen Kandidaten. Klingt eher nach geschäftlicher Abwicklung, denn nach unnachgiebiger Suche der großen Liebe. Er lehnt ab, denn Cuddy sei einfach zu „glatt“. Eines Tages erklärt sie sich (die Männer kneifen!) nicht zuletzt aufgrund der von ihr vertretenen christlichen Werte dazu bereit, drei aus unterschiedlichsten Gründen den Verstand verlorene Farmersfrauen (Grace Gummer, Sonja Richter, Miranda Otto) wieder in die Zivilisation zu bringen. Gleich zu Beginn ihrer Reise trifft sie auf den Outlaw Briggs (Tommy Lee Jones), den sie vor dem Lynchen bewahrt, nachdem sie ihm gegen Geld das Versprechen abnimmt, sie auf der langen gefährlichen Reise zu beschützen.

The Homesman bei Amazon

Doch zurück zur Ausgangsfrage: Was kann geschehen, wenn Ungestörtheit in absolute Isolation umschlägt? Zumindest die drei Frauen im Film verlieren ihren Verstand. Doch das Fehlen einer vom Kollektiv ausgehenden menschlichen Wärme beschleunigt den Prozess des Verrücktwerdens nur noch. Dieses Verrücktwerden kulminiert in der absoluten Isolation von Arabella (Grace Gummer), Theoline (Miranda Otto) und Gro (Sonja Richter), gemeint als Rückzug in das selbst konstruierte Labyrinth des Schweigens, aus dem sie ohne Hilfe nicht mehr herausfinden werden.

Hilfe erfahren die verrückt gewordenen Frauen von Mary Bee Cuddy, deren Charakter durchaus eine Parallele zu Hilary Swanks Maggie Fitzgerald aus Million Dollar Baby aufweist. Beide sind pragmatische Persönlichkeiten, sprich Personen, die den Blick für das Machbare haben, die Grenzen des Realisierbaren jedoch maximal ausloten. Während Maggie fokussiert darauf ist, „unbeirrbar entschlossen, ihren einzigen Traum [Profiboxerin zu werden], ihre einzige Chance auf Anerkennung nicht aufzugeben“, so heißt es auf der Steelbook Collection, liegt Cuddy alles daran, die drei Frauen sicher zur methodistischen Pfarrgemeinschaft nach Iowa zu geleiten. Grenzen sind dazu da, um sich an ihnen zu reiben, doch das kann fatale Folgen verursachen, wie Maggie und Mary schmerzlich erfahren müssen.

Das Zusammenspiel von Hilary Swank und Tommy Lee Jones funktioniert aufgrund des Konglomerats von Widersprüchlichkeiten und Gemeinsamkeiten außerordentlich gut. Während Swank die gottesehrfürchtige Cuddy gibt und Jones den unfrommen Outlaw, sind beide, wenn auch aus (zumindest anfänglich) unterschiedlichen Motiven, von einer pragmatischen Sichtweise beseelt. Mary ist die Altruistin und Briggs der Mann, der den Auftrag gegen Bezahlung angenommen hat. Nach circa zwei Dritteln des Films gibt es einen für den Zuschauer recht harten Einschnitt, denn Tommy Lee Jones, so viel sei verraten, wird die Reise mit den drei verrückten Frauen im Viehwagen alleine fortsetzen. Briggs ist ein Mann mit dem Herz am rechten Fleck, das war von Anfang an so. Er gibt alles für diese Frauen. Aber auch der Outlaw und ehemalige Kriegsveteran hat Dinge erlebt und gesehen, die ihn nicht weniger verrückt machen als die drei Damen. Sich deshalb aber in Schweigen zu hüllen, kommt für ihn nicht infrage. Er wird der ewige „Meister der Brummigkeit“ bleiben.

The Homesman, der neben Hilary Swank und Tommy Lee Jones auch mit Meryl Streep aufwartet, erscheint am 17. April auf DVD und Blu-ray.

Beitragsbild: (c) Universum Film GmbH

„The Homesman“ Kritik – Mister Jones, Sie brummen so gut
3.88 (77.5%) 8 votes