Under the Shadow: Kritik zur persischen Horrorperle

Jonas Gröne 12. Januar 2017 0
Under the Shadow: Kritik zur persischen Horrorperle

In all dem Grauen müssen doch Dämonen stecken. Denn maßlos ist die Welt in Tyrannei getankt, dann weiß der Krieg noch zu erschrecken. Babak Anvaris Horrordrama Under the Shadow wirft den Blick auf das postrevolutionäre 1980er Teheran. Terror und Zerstörung regieren. Doch nicht nur Krieg sucht Einzug ins Leben. In meisterlicher Genre-Arbeit fixiert Regieautor Anvari ein filmisches Glanzstück. Und erstaunlich bei seinem Langfilmdebüt ist: Under the Shadow haftet etwas ganz Eigenes an.

Beginn des Iran-Irak-Krieges. Shideh (Narges Rahidi) will es ihrer verstorbenen Mutter gleichmachen und ihr als Ärztin folgen. Die Uni nimmt sie nicht: Als frühere Aktivistin muss sie nun die Früchte ihrer Vergangenheit ernten. Zu Hause legt sie in Tränen gleich ihre Verschleierung ab. Dass Shideh die islamisch gelebten Werte nicht teilt ist spätestens dann klar, als sie vor dem TV einen Home-Workout startet.

Under the Shadow lugt mit blinzelndem Auge in das subversive Leben iranischer Frauen.

Wenn Shideh bei einer Nachbarin zum Tee gebeten wird, fühlt sich die Gastgeberin endlich frei, als der Mann mit Kindern fort ist. Einmal entschleiern bitte. Shideh muss allerdings aufpassen. Fast hätte Tochter Dorsa (Avin Manshadi)  dem Hausmeister die unheilig groovigen music-tapes gesteckt. Als ihr Mann Iraj (Bobby Naderi) als Arzt in das Krisengebiet der Stadt versetzt wird und in Shidehs Haus eine Bombe einschlägt, muss sie sich entscheiden. Zu Irajs Eltern fliehen oder mit Tochter Dorsa im Haus bleiben. Die Entscheidung gegen die Flucht birgt schon bald die Gefahr. Traum oder Realität, sie sind nicht allein.

Als liegen Krieg und Leben ineinander und doch geschieden, wandelt Under the Shadow die Realität in ein Kriegstrauma. Vor der Haustür wütet der Krieg, aber sucht der Schrecken nicht nur durch Gewalt Einzug in das Leben der iranischen Mutter. Der Krieg treibt so manches Spiel: Vergiftete Gedanken, Angstparanoia und Belastungsstörungen infizieren den Kopf. Die Winde, auf denen die Geister kommen, suchen sich Angst und Furcht, heißt es im Film. Wie für den Zuschauer ist auch für Shideh bald nicht mehr unterscheidbar, was Traum und was Realität ist. Bei all der herrschenden Dystopie da draußen? Doch Schauplatz ist nie das Kriegsgeschehen, sondern eine kleine Wohnung.

So ist auch die eingeschlagene Fliegerbombe Dreh und Angelpunkt des Spuks. Im fein gediegenen Setting verschmilzt der Djinn (Arabisch für Geist, Dämon) mit dem Loch in der Decke, das durch die gefallene Bombe entstanden ist. Der Krieg löst den Schrecken aus. In Under the Shadow steckt aber nicht nur Horror das Sujet breit. Durch die wunderbar gecasteten Hauptdarstellerinnen kommt der 88-minütigen Spukgeschichte fühlbar authentisches Drama zu. Mit intelligentem story-telling gelingt Anvari dabei, genau den richtigen Takt zu treffen. Shideh und ihre Dorsa liegen der Geschichte so faltenlos im Gewand wie die Schauspieler es schaffen, die Rollen in Bravur abzulegen. Auch der britisch aufgewachsene iranische Regisseur Anvari zeigt sein gutes Händchen schon bei unscheinbaren Kameraschwenks in Verstörtheit getrunkenen Bildern. Wie die Traumata in den Verstand verwoben, geistert sich auch der Horror sukzessiv ins Geschehen.

So ruhig wie Under the Shadow beginnend, bleibt Babak Anvaris Werk im Laufe nicht mehr. Dass sich  Horrorfilme so geschmackvoll mit Historie vertragen, ist aber selten. Ein Meisterwerk wie Guillermo del Toros „El laberinto del fauno“ (Pans Labyrinth, 2006) bezieht Under the Shadow wohl nicht. Dafür ist Anvaris Langfilmdebüt jedoch ein ganz starkes Stück Drama im Horror.

Under the Shadow ist seit Kurzem auf Netflix verfügbar.

Beitragsbild: © XYZ FILMS

Under the Shadow: Kritik zur persischen Horrorperle
4.38 (87.5%) 8 votes