„Leid und Herrlichkeit“: Kritik der Autofiktion Almodóvars

Nadine Emmerich 11. Juli 2019 0
„Leid und Herrlichkeit“: Kritik der Autofiktion Almodóvars

Salvador Mallo (Antonio Banderas) ist ein typischer Künstler: Er leidet. Inzwischen nicht mehr nur an dieser Welt und Gesellschaft, sondern ganz real und physisch – an Rücken, Migräne, Tinnitus und noch viel mehr. Einst schaffte der Filmregisseur aus seiner Pein Großes. Doch jetzt ist der alternde Künstler am Ende. Resigniert, einsam und seit langem in einer Sinn- und Schaffenskrise sitzt er in seiner knallbunten Wohnung und verordnet sich seine eigene Therapie – Heroin.

In „Leid und Herrlichkeit“ (Originaltitel: Dolor y gloria) bringt der spanische Meisterregisseur Pedro Almodóvar sich mit einer Mischung aus Melancholie und Ironie grandios selbst auf die Leinwand. Almodovar, der wieder auch das Drehbuch schrieb, baute dazu so wunderbare Off-Kommentare ein wie: „Wenn die Schmerzen am schlimmsten sind, bete ich zu Gott. Wenn die Medikamente wirken, bin ich Atheist.“

Mallo ist das Alter Ego Almodovars, zumindest teilweise. Der Part mit dem Heroin gehört nicht dazu. Doch Filmemacher wie Filmfigur – beide homosexuell – verbrachten ihre Kindheit in einem kleinen Dorf, erhielten ihre Schulbildung zwar von Priestern, interessierten sich dann jedoch für Film, gingen nach Madrid. Und kennen persönliche Befindlichkeiten an beiden Enden der Skala. Im Film selbst fällt der Begriff dafür: Autofiktion, die Kombination aus autobiografischen und fiktionalen Elementen. Das klingt so, als könne es schnell zu konstruiert wirken – tut es aber an keiner Stelle des Films.

Schnell sieht man nicht Banderas, der vor zwei Jahren selbst einen Herzinfarkt überlebte, sondern scheinbar Almodóvar auf dem Sofa vor sich hindämmern. Er trägt nicht nur das Haar wie dieser, sondern tatsächlich auch dessen Schuhe und wohnt in dessen Möbeln. Für seine herausragende Leistung wurde Banderas, der schon seinen ersten Film „Labyrinth der Leidenschaften“ (1982) mit Almodovar drehte, bei den 72. Internationalen Filmfestspielen in Cannes als bester Darsteller geehrt. Überhaupt ging es am Set wieder wie im Familienbetrieb zu. Neben Banderas und Cruz ist als Assistentin und Freundin Mallos etwa Nora Navas dabei.

Typisch: Almodóvar: Mütter, Sexualität und Kirche

Almodóvar beginnt sein in wunderschönen Bildern erzähltes Drama am Ende von Mallos Karriere, spult zurück und wieder vor, um in Episoden dessen Achterbahnleben zu erzählen. Wie aus dem gefeierten Regisseur der alte Mann wurde, der kraftlos in seiner Wohnung sitzt und Heroin aus einem Stück Alufolie raucht. Was neben den körperlichen Gebrechen ein vor langer Zeit gebrochenes Herz mit der Misere zu tun hat. Und natürlich – wie sollte es bei Almódovar anders sein – geht es auch um Kindheit und die Mutter (Penélope Cruz), die für ein besseres Leben ihres klugen Sohnes ackerte. Mütter, Sexualität und Kirche – ein typischer Mix des spanischen Regisseurs.

Vom Dorfkino aus Mallos Kindheit spannt Almodovar den Bogen bis zur gegenwärtigen, holprigen Aussöhnung mit Alberto Crespo, einem früheren Schauspielkollegen, mit dem er sich vor 32 Jahren wegen dessen Drogensucht überwarf. Crespo findet auf Mallos Computer einen unveröffentlichten Text über die Erinnerung an dessen große Liebe Federico, ist hingerissen und drängt ihn, das Stück als Monolog mit dem Titel „Die Abhängigkeit“ auf die Bühne bringen zu dürfen.

Nach und nach kommt ein Puzzleteil zum nächsten. Rein zufällig sieht auch der verschollen geglaubte Federico (Leonardo Sbaraglia) die Aufführung – und erkennt darin unter Tränen seine einstige Beziehung mit Mallo wieder – „einer der Abschnitte des Films, die mich am meisten bewegen“, sagt Almodovar selbst über diese Szenen. Für den Zuschauer mag diese intensive Emotionalität für das gesamte Werk gelten, das wohl das intimste des 69-Jährigen geworden ist.

Foto: Studiocanal

Filmstart: 25. Juli 2019

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