Café Belgica: Filmkritik zur rockigen Partyekstase

Jonas Gröne 15. Oktober 2016 0
Café Belgica: Filmkritik zur rockigen Partyekstase

Es kann nicht immer alles Party sein, könnte eine Lebensweisheit lauten. Manchmal fällt im Nachwirken der untröstliche wie ironische Gedanke – Das hätte nicht sein müssen! Ob eine ungemütliche Verabredung, das am Ende doch noch mies gewordene Buch oder eine Unternehmung, die freilich nichts Gutes verheißen konnte. Manches liegt uns einfach quer. Dann fällt der Ärger gleich ins Konjunktiv und am liebsten, da wäre doch alles ungeschehen gemacht. Doch sind es gerade auch diese Augenblicke, die uns möglicherweise mit einem gut gemeinten Zwinkern auf dem Auge eines am deutlichsten zeigen: Den richtigen Weg.

In Felix Groenings neuem Film Café Belgica sind es zwei Brüder, die sich näherkommen und zu finden suchen, scheinbar sich aber genau deswegen verlieren werden. Es ist eine Geschichte wie eine Party mit ekstatisch gefüllten Höhen und eskalierenden Tiefen, die dem Film genau die zum Teil rockige Geschmackssorte verpassen, die sich im Leben nicht mit Feingeschmack verkosten lässt, sondern genau das Unwiderstehliche im Verdrießlichen bietet, das uns minder schmerzt, als lehrt. Just in dieser Polemik hängt der Film die Fessel an die Augen. Und manchmal braucht es das im Leben.

Viel ruhiger ist der Beginn des Films. Hier werden die Brüder Jo (Stef Aerts) und Frank (Tom Vermeir) eingeführt. Jo, ein schmächtig und belgisch gezeichneter Mittzwanziger mit einem Auge, hat sich mit einer eigenen Kneipe selbstständig gemacht. Frank hingegen versprüht das gute Leben von Sesshaftigkeit und Familienleben. Ganz so einträchtig geht es ihm damit aber nicht. Denn nach dem Besuch bei seinem kleineren Bruder, will Frank ihm an Wochenenden in der Bar aushelfen. Jo ist noch nicht begeistert. Doch wenig später schwenkt die Kamera schon von noch genussvollen Kneipenblicken zu koksziehenden Partybildern, die schon andeuten, dass aus dieser Partnerschaft Größeres werden könnte. Bei der kleinen Kneipe blieb es dann auch nicht mehr. Das ganz dicke Partygeschäft wurde aufgezogen. Mehr Raum für Party, mehr Barleute und mehr Security. Das Ergebnis war ein Partyhaus der Extravaganz, zu dessen Duktus multikulturelle Toleranz als oberste Maxime gelten sollte: „Wir sind die Arche von dem scheiß Noah!“, brüllt Frank in die Partynacht. Das war für Jo und Frank klar. Hier hatte jeder feiern dürfen. Wild, fresh, und orientalisch. Das Café Belgica war der heißeste Schuppen der Stadt. Die beiden Brüder mischten Belgicas Nächte dabei als Partymonster so richtig auf. Gigantische Eröffnungsfeier mit Stil, Jazz, Rock und Flow. Alles schien perfekt. Und hier entkleidete sich der Disput, als eine einzige Frage: Bin ich die Party oder der Partymacher? Auf Dauer konnte diese Brüdermischung gespickt mit Party und Unkontrolle nicht gut gehen. Es bahnten sich Konflikte an. Frank betrog seine Frau, Koksorgien, das Feierbiest. Jo hat inzwischen eine amour fou, sie ist schwanger von ihm und will abtreiben. Das alles bahnt und frisst sich hoch. Noch dazu kommt, dass beide sich in ihren Konflikten überschneiden. Jetzt wird das Bier des anderen auch noch das eigene. Immer wieder schäumt diese unterschwellige Negativpower in Wutausbrüchen hoch und bringt ordentlich Feuer ins Fahrwasser des Films. Das läuft dann so weit, dass das Café Belgica an den Kommerz verraten wurde. An das, wofür die beiden nie standen. Und am Ende stehen die Brüder vor der existenziellen Frage, wer sie denn eigentlich sind?

Dem Regisseur Felix Groening gelingt mit Café Belgica eine dramaturgische Finesse. Nicht umsonst hat ihn die Jury beim diesjährigen Sundance Filmfestival mit dem Regiepreis gekührt. Der Film ist fast wie eine einzige Party konzipiert. Am Anfang steht die noch entspannte Stimmung des Vorabends, im Film allerdings etwas zu wirsch, während zunehmend die hoch quellende Partylust in Persona Jo und Frank sich zum Besten gibt, immer wieder unterlaufen von Höhen und Tiefen, die erst eine Partynacht zu einer Partynacht machen. Zum Schluss verlaufen dann all die Fäden in ihre Spulen, die Party muss ja schließlich enden. Oder doch nicht? Groenings fünfter Film sollte nach seinem großen und oscarprämierten Film The Broken Circle Breakdown (Bester Fremdsprachenfilm) ein rockiger werden. Von Rock, Roll und Drugs. Dass sein Film vollends nur aus fast eigenen Memoiren bestehen sollte, ist beachtlich und zeigt, wie tief emotionsnah manche Szenen zu spüren sind. Es sind nicht nicht nur die von Emotionsausbrüchen geleiteten Verkrachungen, sondern eben auch die fadig schmeckende Katerstimmung zwischen den Partys. Der nüchterne Blick Groenings schafft es, die richtigen Gefühle einzufangen. Der Betracher ist in factum. Sexszenen untermalt mit melancholischer Musik (von Soulwax), wie die meiste Musik im Film selbst komponiert), nur das Schmatzen ist noch zu hören. Einstellungen, die den Zuschauer als Partygast zeigen oder schlicht der Raum für Konflikte. Mit Kameratricks und Perspektivarbeit steht alles ganz realstisch.

Das Größte am Film ist die Angst. Nur unterschwellig ist sie, in den Emotionsexplosionen zu finden. Einigen Figuren liegt eine existenzielle Angst vor dem falschen Weg zu Grunde. Die Bange vor Sesshaftigkeit, Einsamkeit, Verlieren. Auch Frank und Jo tragen diese mit sich. Ob sie daraus den richtigen Weg enträtseln werden?

Felix Groening legt mit Café Belgica eine spritzig angelegte Wasserfahrt der Emotionen hin. Und zeigt auch noch die Angst vor dem Leben, dem Weg, den man manchmal schon eingschlagen hat. Aber manchmal bedarf es genau diesem Spritzen, um die Wogen zu glätten, die Jo und Frank im Café Belgica aufrissen. Manchmal bedarf es solch einer Begegnung, um daraus zu lernen. Eben den richtigen Weg zu finden.

Café Belgica erscheint in Deutschland ab dem 14. Oktober auf DVD.

Beitragsbild: © PANDORA FILM Verleih

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