Fear the Walking Dead Staffel 1: Kritik zu Folge 1 „Gute alte Zeit“

Marie-Hélène Lefèvre 26. August 2015 1
Fear the Walking Dead Staffel 1: Kritik zu Folge 1 „Gute alte Zeit“

Seit Sonntagabend ist es endlich soweit, die Beißer sind zurück! Der amerikanische Sender AMC, der auch schon „Breaking Bad“ und dessen Ableger „Better Call Saul“ produzierte, ließ es sich angesichts des immensen Erfolgs seiner Zombieserie „The Walking Dead“ nicht nehmen auch dafür einen Ableger, im Englischen Spin-off, anzukündigen, der die Vorgeschichte der Zombieserie erzählen soll. Die von den Fans lang erwartete Serie startete am Sonntagabend schließlich mit einem Rekord: 10,1 Millionen Zuschauer schalteten ein und katapultierten die Serie an den ersten Platz der erfolgreichsten Serienstarts, noch vor „The Walking Dead“. Ein Tag nach der Fernsehpremiere in den USA ist die erste Folge von „Fear the Walking Dead“ auch in Deutschland im Internet abrufbar. Amazon Instant Video wird jeden Montag eine der sechs Folgen der ersten Staffel online stellen – für Prime-Kunden sogar kostenlos.

Neuer Schauplatz und neue Charaktere

Zur Erinnerung, die Handlung von „The Walking Dead“ (im Folgenden TWD) setzt ein, als Protagonist Rick aus dem Koma erwacht und die Zombies, in der Serie Beißer genannt, die Zivilisation in die Knie gezwungen haben. Wie es dazu kommen konnte, erfahren er und die Zuschauer nicht. Doch genau das wird sich nun ändern, denn „Fear the Walking Dead“ (im Folgenden FTWD), zu Deutsch „Fürchte die wandelnden Toten“, setzt genau dort an. Anders als in der Mutterserie, trägt sich die Handlung jedoch in Los Angeles zu und verfolgt das Schicksal neuer Charaktere. Nicht verwunderlich also, dass sich der lange Pilot von einer Stunde und vier Minuten viel Zeit nimmt, um die verschiedenen Charaktere und deren Beziehungen zu beleuchten.

Ähnlich wie TWD wirft FTWD das Publikum dabei sofort ins Geschehen: Der drogenabhängige Nick Clark, der von zuhause ausgerissen ist und auf der Straße lebt, wacht nach einem Drogenrausch in einer verlassenen Kirche, die als Drogenhöhle dient, auf. Er wird Zeuge eines grausamen Vorfalls: Seine Freundin Gloria tötet einen anderen Junkie und beißt sich in seinem Gesicht fest. Völlig geschockt flüchtet er aus der Kirche und wird angefahren. Als er verletzt auf der Straße liegt, folgt eine Kamerafahrt auf das belebte und einladend wirkende Los Angeles, was die gesamte Grundstimmung der ersten Folge hervorragend widerspiegelt. Dem Zuschauer wird nicht nur bewusst, in welcher Stadt und zu welchem Zeitpunkt die Serie spielt, sondern auch welch schreckliche Gefahr der Stadt droht, von der nur der Zuschauer und Nick zu diesem Zeitpunkt etwas ahnen.

Einmal im Krankenhaus, verständigt dieses Nicks Mutter und seine gesamte Patchwork-Familie versammelt sich am Krankenbett: die strebsame und von Nick genervte Teenie-Schwester Alicia, seine verzweifelte Mutter Madison und deren neuer Freund Travis, der genauso wie sie als Lehrer in einer High School arbeitet. Schwester und Mutter glauben, dass Nick ein weiteres Mal den Drogen verfallen ist und halluziniert hat. Nur Ziehvater Travis spürt, dass etwas Wahres an Nicks Geschichte dran ist und verfolgt die Spur bis in die verlassene Kirche. Da Nick eine Einweisung in eine geschlossene Klinik droht, ergreift er die Flucht und ermittelt auf eigene Faust. Der 18-Jährige glaubt, dass sein Dealer und Jugendfreund Calvin ihm und Gloria etwas verkauft haben könnte, was Gloria zum Töten brachte. In den Nachrichten machen erste, vermeintlich außer Kontrolle geratene Menschen, die Andere anfallen, Schlagzeilen und sorgen für Unsicherheit und Angst in Los Angeles. Zwischenzeitlich sieht Calvin seine geheime Tätigkeit als Dealer durch Nicks Nachforschungen gefährdet und er versucht ihn umzubringen. Als Travis und Madison die Beiden vorfinden, müssen sie feststellen, dass Nicks vermeintiche Halluzinationen ihnen ganz real nach dem Leben trachten.

Das Grauen durch die Augen einer Familie

Ganz in Tradition der Katastrophenfilme erlebt der Zuschauer den langsamen Zusammenbruch des gewohnten Lebensraumes und der Zivilisation durch die Augen einer Familie, die im Grunde schon mit der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme überfordert ist und unerwartet mit der extremsten Situation konfrontiert wird: dem Überlebenskampf. Der Fokus auf die Charaktere und deren Beziehungen ist etwas, was das Spin-off mit seiner Mutterserie gemeinsam hat. Auch dort standen die zwischenmenschlichen Beziehungen im Mittelpunkt und nicht, wie man annehmen könnte, die Untoten. In der ersten Folge von „Fear the Walking Dead“ werden die Beziehungen der Patchwork-Familie deshalb ausgiebig ergründet: Madison und Travis sind ein glückliches Lehrer-Paar in den Endvierzigern mit drei Kindern aus erster Ehe, zu denen sie ein schwieriges Verhältnis haben. Travis‘ Sohn Christopher glaubt, dass sich sein Vater mehr um seinen Ziehsohn Nick kümmert und will Travis daher nicht sehen. Travis wird von Madisons Tochter Alice nicht als Stiefvater akzeptiert. Zudem ist sie von den Eskapaden ihres Bruders genervt und kann es kaum erwarten, ihre Heimatstadt zu verlassen, um aufs College zu gehen. Ihr älterer Bruder Nick ist aus noch nicht genannten Gründen auf die schiefe Bahn geraten und treibt seine Mutter damit zur Verzweiflung. Auffallend ist, dass gleich mehrere Haupt- und Nebenfiguren Jugendliche sind und die Konflikte zumeist zwischen ihnen und den Erwachsenen bestehen. Eine Komponente, mit der sich FTWD von seiner Mutterserie unterscheidet. Die Schwächen, Ängste und Beziehungen der Patchwork-Familie laden zur Identifikation ein, wirken vertraut und machen die Charaktere sympathisch. Die Handlung profitiert zusätzlich von seiner sehr stimmigen Besetzung; allen voran Frank Dillane spielt den drogenabhängigen Nick äußerst überzeugend.

Es lässt sich bereits erahnen, dass sich die schwierigen Beziehungen innerhalb der Familie durch das Hereinbrechen der Zombieepidemie radikal verändern und die Familie im Überlebenskampf noch enger zusammenwachsen wird. Wie sich die Familie dabei schlagen wird, bleibt eine spannende Frage, denn im Gegensatz zu den Charakteren von TWD wissen die Figuren noch nichts über die Beißer.

Der Ableger als Ergänzung des Serienuniversums

Als Kenner von „The Walking Dead“ wird man unweigerlich die zwei Serien miteinander vergleichen. Rein optisch gleichen sich Beide in Punkto hoher Bildqualität und dynamischer Kameraführung. Zudem weisen beide einen sehr guten Sound auf, der die Spannung der Erzählung steigert. Wie auch schon bei TWD setzt der Pilot von FTWD auf Horrorfilmelemente. Die Musik bildet hierbei ein sehr wichtiges Mittel und kreiert eine bedrohlich wirkende Atmosphäre, die in der ersten Folge im Widerspruch zur abgebildeten Normalität der Großstadt steht und die schlummernde Gefahr bereits ankündigt. Die Altersbeschränkung von 18 Jahren verdient sich die Serie allemal, auch wenn der Pilotfilm für TWD-Fans noch vergleichsweise harmlos scheint. Wie die Macher von TWD jedoch bereits bewiesen haben, sind sie, was die explizite Darstellung von Zombiefressattacken angeht, alles andere als zimperlich und so ist auch in den weiteren Folgen mit mehr Blut und Innereien zu rechnen.

Fear The Walking Dead“ basiert inhaltlich nur sehr lose auf der Comicvorlage „The Walking Dead“, deren Bände seit 2003 erscheinen. Die Comic-Schöpfer, Tony Moore und Robert Kirkman, wirkten aber dennoch als Drehbuchautoren mit. Gemeinsam mit Autor und Produzenten Dave Erickson, der schon für „Sons of Anarchy“ schrieb und nun für FTWD verantwortlich zeichnet, entwerfen sie die Serie als Erweiterung des Serienuniversums, in welchem schon TWD angesiedelt ist. Die Idee, mehr Jugendliche in den Mittelpunkt zu stellen, ist dabei ein spannender, neuer Aspekt. FTWD nur als Vorgeschichte, auch Prequel genannt, von TWD zu betrachten, kommt deshalb zu kurz. Obwohl die neue Serie mit ihren sechs Folgen eine vergleichsweise kurze erste Staffel erhalten hat, hat sie durchaus das Potential sich als ebenbürtig komplexe Erzählung zu entwickeln, die die Zombieepedemie aus einer anderen Perspektive behandelt. Dies zeigt sich nicht nur anhand der Handlung und der neuen Charaktere, sondern auch im Spiel mit dem Wissensvorsprung des Zuschauers gegenüber den Figuren. Rein inhaltlich kann die erste Folge nichts Neues zum Wissen der TWD-Fans hinzufügen. Im Gegenteil, der Zuschauer ist den Figuren um Wissen voraus. Er weiß, dass es Untote gibt, wie der Virus übertragen wird und wie sie unschädlich gemacht werden können. Deshalb kommt es fast einer Erleichterung gleich, dass nach 60 Minuten auch endlich Madison und Travis den ersten Zombie zu Gesicht bekommen und Nick endlich Glauben schenken. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass FTWD sich genau diesen Punkt zu nutze macht und mit dem Wissensvorsprung der Zuschauer spielt. So gibt es mehrere Situationen, in welcher beispielsweise eine regungslose Gestalt im Bild auftaucht, während die Musik sich langsam aufbauscht, und der Zuschauer geradezu mit einem Schreckmoment, dem plötzlichen Erscheinen eines Untoten, rechnet; nur um dann wider Erwarten ausgetrickst zu werden.

Die Erwartungen an die Ablegerserie waren im Vorfeld sehr hoch und die Pilotfolge von FTWD enttäuscht sie nicht. Sie eignet sich sowohl für eingefleischte TWD-Fans als auch für Neugierige, welche die Originalserie noch nicht kennen. Durch die Verlegung des Handlungsortes in die Millionenstadt Los Angeles und den neuen, zumeist jungen Charakteren, entwickelt die Serie eine eigene Dynamik und macht neugierig auf die weiteren Episoden: Was wird aus der Stadt, nachdem das Virus grasiert? Wie schaffen es die Jugendlichen, sich im Überlebenskampf zu behaupten? Und am Wichtigsten, wer wird überleben?

Beitragsbild: (c) AMC Networks