Kritik „Nach einer wahren Geschichte“ – Roman Polanskis erster Film seit vier Jahren bleibt unter seinen Möglichkeiten

Martin Rudolph 27. Mai 2018 0
Kritik „Nach einer wahren Geschichte“ – Roman Polanskis erster Film seit vier Jahren bleibt unter seinen Möglichkeiten

Die Pariser Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner) hat mit einem sehr persönlichen Buch über ihre Mutter einen Bestseller gelandet. Aber diese schmerzhaften Erinnerungen sowie der Literaturbetrieb, die Lesetouren, PR-Termine und Autogrammstunden, belasten sie stark. Mit dem inneren Zwang, sofort wieder schreiben zu müssen, setzt sie sich zusätzlich unter Druck. Außerdem erhält sie immer wieder anonyme Drohbriefe, in denen ihr vorgeworfen wird, ihre Familie verraten zu haben.

In dieser Situation lernt sie die verständnisvolle und einfühlsame Elle (Eva Green) kennen, die sich als großer und kenntnisreicher Fan erweist. Sie fasst schnell Vertrauen und öffnet sich der neuen Freundin mehr und mehr. Elle, als Ghostwriterin auch schreibend tätig, unterstützt die überforderte Autorin, organisiert ihren Tagesablauf und beantwortet ihre Mails. Sie macht auch schon sehr konkrete Vorschläge für das nächste Buch der Autorin.

Als Delphines Partner, ein erfolgreicher Journalist, für einige Wochen in den USA arbeitet, zieht Elle sogar bei ihr ein. Sie imitiert ihren Stil, kleidet sich wie sie. Sogar einen Lesetermin an einer Schule nimmt sie als „Delphine“ wahr. Und als die Schriftstellerin ohne ihr Wissen ein Interview in ihrer Wohnung arrangiert, reagiert Elle (kurz für Elisabeth, aber auch „sie“ im Französischen) rasend eifersüchtig. Aus der obsessiven Bewunderung wird Bevormundung und Dominanz.

Als Delphine, schwer beladen mit Einkäufen, sich bei einem Sturz im Treppenhaus ein Bein bricht, überredet Elle sie, zusammen in das ebenerdige und abgelegene Landhaus der Schriftstellerin zu ziehen. Dort könne sie doch ungestört an ihrem neuen Buch arbeiten, für das Elle immer konkretere Vorstellungen hat.  Das Drehbuch von Roman Polanski und Olivier Assayas basiert auf dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan, der 2015 erschien. De Vigan thematisiert in dem Roman die Beziehung zu ihrer Mutter, mit der Veröffentlichung gelang ihr ein Bestseller.

Spätestens jetzt wird der Titel „Nach einer wahren Geschichte“ gewollt ad absurdum geführt, denn das Spiel der Ebenen und der wechselnden Realitäten ist ja gerade Thema des Films. Aber Polanski gelingt es nicht, dieses Spiel dem Zuschauer zu vermitteln. Zu konventionell sind Kamera und Schnitt, nur beschreibend, ohne viel Überraschung. Polanski, der gern betont, dass er Literaturverfilmungen möglichst werkgetreu gestalte, hat sich hier dadurch  selbst in seinen Möglichkeiten begrenzt. Es gibt keine neuen Sichtweisen, weder auf die schriftstellerische Blockade noch auf die Wechsel der Identitäten. Das ist alles ganz nett anzuschauen, aber doch nicht spannend. Zu oft bleibt man dabei unbeteiligt.

„Nach einer wahren Geschichte“ ist inzwischen Polanskis fünfte Zusammenarbeit mit Emmanuelle Seigner, mit der er seit 1989 verheiratet ist. Sie holt das Mögliche raus, das Buch und Kamera ihr lassen. Eva Green ist gut, aber im Verlauf des Film zu durchsichtig. Sie schaut eindimensional böse oder wirft mal eine Tasse an die Wand, was für eine dämonisch sich steigernde Rolle etwas wenig ist.

Als intellektuell-spielerische Übung zwischen Wahrheit und Fiktion und über sich wandelnde Identitäten kann der Film dank seiner Vorlage noch interessieren. Als Thriller ist er zu langatmig und nicht spannend genug.

Kinostart für „Nach einer wahren Geschichte“ ist der 17. Mai 2018.

Regie: Roman Polanski
Produktionsland: Frankreich, Polen 2017
Verleih: Studiocanal  FSK 12, 100 min

Beitragsbild © Studiocanal

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