Verräter wie wir Kritik: Carré-Verfilmung folgt Typenklischee

Jonas Gröne 25. November 2016 0
Verräter wie wir Kritik: Carré-Verfilmung folgt Typenklischee

Man mag ihn wohl als den Meister des Spionagethrillers bezeichnen – John le Carré. Plausibel und riskant wie heißes Eisen. In Carrés Œuvre mischt sich meist ausgeklügeltes Agentenspiel mit geheimfallender Bedrohung. Dabei scheint der nun schon 85-jährige brittische Autor, längst dem eigens gefundenen Standard zu folgen. Unscheinbare Personen werden in waghalsige Agentenabenteuer verstrickt. Es geht um Blutgeld, Verschleierungen und Mafiageschäfte.

Diesen Typus will auch die neue Carré-Verfilmung Verräter wie wir zelebrieren. Was bleibt ist aber das unbehagliche Gefühl, dass die Geschichte nicht so recht erzählt wurde. Dabei mangelt es dem Streifen nicht an Stringenz oder Logik. Es hat vielmehr den Anschein, als schlage filmische Typenbildung narrativen Höhepunkt. Von einem hochgradig auflösenden Spannungsakt ist am Ende nicht viel übrig. Das Suspense war im Verlauf wohl schon verpulvert worden.

Neben der viel gelobten Amazon-Serie The Night Manager (2016) mit Hugh Laurie und Tom Hiddleston, portionierte Carré schon für zahlreiche andere Verfilmungen Erzählstoff. In den letzten Jahren lief dafür mitunter Philip Seymour Hoffmann in A Most Wanted Man (2014) auf oder Ralph Fiennes im Drama The Constant Gardener aus dem Jahr 2005. Mit Verräter Wie Wir inszeniert nun also Susanna White (Eine zauberhafte Nanny) den gleichnamigen Roman „Our Kind of Traitor“.

Ewan McGregor spielt hier den Spontanhelden und Literaturdozenten Perry. Den Touristen, der in heikle Scherereien verwickelt wird, sich nach gutmütigem Widerstand dann doch fügt und sich verantwortlich fühlt. Perry ist eigentlich als Urlauber mit seiner Frau Gail (Naomie Harris) unterwegs, als er auf den dubiosen Russen Dima (Stellan Skarsgård) trifft. In spe soll er für Dima bei seiner Ankunft in London dem MI6 einen Stick mit entlarvenden Informationen über korrupte Politiker geben. Gerade erst kennengelernt und Perry ist doch Poet, aber er macht’s. Dima verspricht sich davon Asyl für sich und die Familie. Denn als Buchhalter der russischen Mafia gerät Dima ins Fadenkreuz und wird zur persona non grata quittiert. Seine letzte Chance sind Namen und Kontonummern von Politiker, die an einem zwielichtigen Bankgeschäft sich eine blutig, goldene Nase verdienen wollen. Damian Lewis gibt dabei den Geheimagenten Hector, der mit einem der Politiker noch eine offene Rechnung hält. So werden Perry und Gail natürlich bald schon als Dimas Vertrauenspersonen in die ganze Sache verstrickt.

Auf der Flucht vor Mafia und Gefahr, neigt Perry zu wagemutigen Aktionen. Gemäß dem Typus, bricht er die Bleib-Im-Auto-Regel, kommt in der Szene aber zu spät (Der Schurke war da schon geschlagen), um in anderer Sequenz dann die heroische Geisteskraft des Actionhelden zu laden und am Abdrücker zu stehen. Über sein und Gails Leben erfahren wir kaum etwas. Skarsgards Dima entspringt wie Agent Hector ebenfalls dem klassischen Typenklischee. Während Skarsgard noch den rockig aufgelegten Gangster-Familienrussen spielt, muss Lewis für seine Rolle in der Rachelust-Kiste wühlen. Fatale Sache: Verräter Wie Wir vergibt dabei, in die Tiefe zu gehen und folgt Klischeehaftigkeit wie Typenbildung gleichermaßen. Das ist schade. So wirken narrative Entwicklungen wie per se determiniert, als müsse Perry eben das Ganze mitmachen, denn viel Überredungskunst gehörte wohl nicht dazu.

Es verstimmt auch der Gedanke, der Film habe aufgehört, die Fäden weiterzuspinnen. Zu dünn sind die Szenen letztendlich im Showdown aufgestülpt. Die ganz große Fahrt bleibt hier aus. Nicht ganz unerwartet, aber doch plötzlich findet Story und Flucht einen Schluss. Das wirkt recht einfach gemacht. Angesichts der umgangenen Chance weiterzugehen, ist es das dann auch. Und wenn in letzten Bildern der rückblickende Perry auf Londoner Fußgängerweg fokussiert wird, fragt man sich, wieso diese Lupe nicht schon früher aufgesetzt wurde. Ein Schwenk auf Korruption zum Beispiel, die man nur teilweise im finanziellen Abriss erfährt. Das fehlt dann dem Film, um über solides Entertainment hinaus zu blicken.

Einen unscheinbaren Touristen in Agentengeschäfte zu werfen, ist vielleicht nicht mehr modernste Kunst. Dieses aber von Klischees zu befreien, scheinbar schon.

OT: Our Kind of Traitor (2016)

Länge: 108 Minuten

Regie: Susanna White

Beitragsbild: © STUDIOCANAL

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