„Visages Villages“ Kritik: Agnès Vardas Doku-Meisterwerk

Lida Bach 12. März 2018 0
„Visages Villages“ Kritik: Agnès Vardas Doku-Meisterwerk

Eine der zahlreichen feinsinnigen Facetten des dokumentarischen Road Movies ist die, dass seine Schöpferin nie zu einer der überlebensgroßen Kunstfiguren auf Häuserwänden, Mauern und Zügen auswächst. Agnes Varda bleibt in jedem Moment ihres anekdotischen Film- und Kunstprojekts auf Augenhöhe mit den einfachen Menschen, die sie und ihr Co-Regisseur JR inszenieren. Keine zweite Filmpersönlichkeit verknüpft so leichthändig Avantgarde und Augenblick, Realität und Abstraktion, Vorführung und Wahrhaftigkeit wie die Vorreiterin der Nouvelle Vague. Leichtherzigkeit und leise Melancholie treffen sich auf der Leinwand zu einer zauberhaften Liaison, die ähnlich paradox wirkt wie die der Regisseurin und des Künstlers und Fotografen. Gemeinsam zieht das kuriose Gespann durch Frankreichs Provinz, immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Orten und Charakteren.

In der Beiläufigkeit von Vardas Schaffen liegt etwas ungeheuer Ergreifendes, das kein artifizielles Drama erreichen kann. Ganz unsentimental erwähnt sie ihre fortschreitende Augenkrankheit und nimmt das Publikum mit zu einer Arztbehandlung, die sie an Un Chien Andalou erinnert. Humor ist ihr Schmerzmittel in einer traurigen und wunderschönen Welt, die sich ihr zunehmend entzieht. Die selbstreflexive Integration der Erblindung in die visuelle Inszenierung offenbart den Akt des Schauens als so unbeständig wie das Erschaute. Nicht nur das Objekt kann unvermittelt verschwinden, wie ein über Nacht vom Meerwasser abgewaschener Bilddruck. Die vermeintliche Konstante der eigenen Wahrnehmung ist Gegenstand permanenter Fluktuation und Desintegration. Nichts kann zweimal gesehen werden. Nichts ist von dauer. Kein Augenblick ist reduplizierbar.

Die Flüchtigkeit des Augenlichts wird zur anrührenden Metapher für die Unzuverlässigkeit der eigenen Perspektive: auf Umgebung, Menschen und die Beziehungen zu beiden. An den Gräbern von Henri Cartier-Bresson und Martine Franck sinniert die Filmemacherin einen Moment über den eigenen Tod, den sie mit unaufgeregtem Witz erwartet. Vardas Scherzhaftigkeit findet eine perfekte Ergänzung im improvisatorischen Temperament ihres Projektpartners, mit dem sie dennoch allen auf ihrer Reise angeroffenen Personen und Orten respektvoll begegnet. Hinter jeder Fassade, die beide mit Papierriesen verzieren, liegt eine Geschichte: voll Beschwingtheit und Inspiration, aber auch Schmerz und Wehmut. Letzte ist der bewegende Ausklang eines nuancierten Meisterwerks, das zugleich Herz und Geist mit seiner universellen Weisheit berührt: „Jedes Gesicht erzählt eine Geschichte“.

Beitragsbild © Weltkino

Kinostart: 31. Mai 2018

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