FILMKRITIK „COUNTDOWN“: ZU WOKE ZUM STERBEN

Janick Nolting 3. Februar 2020 0
FILMKRITIK „COUNTDOWN“: ZU WOKE ZUM STERBEN

Wie können Regisseurinnen und Regisseure heute die Jugend schocken? Klar, die Technik spielt verrückt! Im Falle von „Countdown“ des amerikanischen Filmemachers Justin Dec wird das Smartphone in der Hosentasche zum gefährlichen Horrorrequisit. Eine neue App, die auf Partys bereits als urbane Legende gehandelt wird, soll den genauen Todeszeitpunkt ihrer Nutzer errechnen. Was als Mutprobe beginnt, entpuppt sich als Albtraum. Auch die junge Krankenschwester Quinn (Elizabeth Lail) hat die App installiert, die ihr verrät, dass sie nur noch wenige Tage am Leben bleiben darf. Wie also dem Tod von der Schippe springen?

Zugegeben, neu ist das alles nicht. Besonders um die Jahrtausendwende, als die Techniknutzung im Privaten langsam boomte, erschien mit „Ringu“ bzw. dem dazugehörigen US-Remake „The Ring“ einer DER Horrorklassiker schlechthin. Damals war es noch eine verfluchte Videokassette, die den Tod herbeiführte. Als Trittbrettfahrer folgte 2003 unter anderem „The Call“ , in dem ein geisterhafter Anruf aufs Mobiltelefon tödlich endete. Dass heute der Tod mit einem Fingertipp gedownloadet und in Form einer App verbreitet wird, ist da nur konsequent und hätte in der Theorie sogar ein nettes, zeitgemäßes Update der „Final Destination“-Reihe werden können, wenn die jugendlichen Figuren versuchen, den Tod auszutricksen. Stattdessen scheitert die Prämisse aber gnadenlos daran, dass bereits in den ersten Filmminuten etabliert wird, dass der Tod per se hier nicht einfach ausreicht. Es muss eine finstere Geistergestalt her, die die Opfer heimsucht und ermordet.

Ja nicht zu gruselig!

„Countdown“ ist ein Film, der, ganz kommerziell gedacht, auf ein junges Zielpublikum zugeschnitten ist. Das bedeutet allerdings auch, dass der Horror durchweg auf ein Minimum reduziert ist. Echten Terror gibt es hier nie zu sehen, jede Gruselsequenz läuft auf einen vorhersehbaren Jumpscare hinaus, viel Blut darf ohnehin nicht fließen, um die niedrige Altersfreigabe zu gewährleisten. Hinterher gibt´s noch einen kleinen Gag, damit die Spannung schnell wieder abgeschüttelt werden kann.

Selten schimmert tatsächlich noch ein wenig Geschick für Atmosphäre durch. In einigen wenigen Momenten gelingen „Countdown“ sogar ein paar nette Reminiszenzen an das subtile Gruselkino, das wir eben mit „Ringu“, „Ju-on“ oder „The Eye“ aus dem asiatischen Kino der frühen 2000er Jahre gewohnt sind. Dieses Potential und die Tatsache, dass Justin Dec ein gutes Gespür für das Erzähltempo beweist, muss man dem Regisseur immerhin hoch anrechnen. Insofern dürfte besagte Teenager-Zielgruppe mit diesem leicht konsumierbaren Geisterbahnfilm angesprochen werden, wer in seinem Leben bereits einige Horrorfilme gesehen hat, wird hingegen nur altbekannte Klischees zu sehen bekommen.

#metoo als Horrorfilm

Interessanter und zugleich ärgerlicher ist vielmehr, dass „Countdown“ nicht einfach nur ein ziemlich abstruser Film über das Sterben ist, sondern spätestens mit seiner zweiten Ebene ins Lächerliche rutscht. Der Film erzählt von der Emanzipation einer jungen Frau. Quinn muss sich gegen ihren übergriffigen, grapschenden Chef wehren. Sie ist die strahlende, ermutigende Heldin, während ihr Gegenüber die plattesten und klischeehaftesten Feindbilder verkörpert, die sich in gegenwärtigen Debatten über Sexismus oder politische Korrektheit finden lassen, was deren Tragweite nicht im geringsten gerecht wird. Ja keine Grautöne, alles möglichst simpel gedacht, mehr traut man dem Publikum nicht zu.

Zum bösen Boss gesellt sich später auch noch ein alberner Geistlicher. Amüsant ist da höchstens, dass die abgebrühten Teenies von heute in diesem Film ausgerechnet bei der Kirche Zuflucht ersuchen! „Countdown“ will möglichst zeitgemäß, möglichst politisch korrekt und progressiv sein. Das Endergebnis ist leider eher dümmlich geworden. Der Tod ist hier nicht Schicksal, sondern etwas, das gesteuert werden kann und mit Rachephantasien aufgeladen wird. Obendrauf gibt´s eine fast erschreckend krude Schlusspointe, die auch noch den letzten Funken Logik und Verstand über Bord wirft. Ist aber im Grunde genommen auch egal, zu diesem Zeitpunkt ist „Countdown“ erzählerisch schon längst in sich zusammengefallen. Übrig bleibt ein schnell vergessener Teenie-Schocker, von denen der berüchtigte Kinomonat Januar viel zu viele in die Kinosäle spült. Nur für Horror-Neulinge!

2/5 Sterne

Kinostart ist der 31.01.2020

Bilder: (c) Universum Film

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