Filmkritik: Der Mieter (1976)

Florian Erbach 30. Januar 2014 4
Filmkritik: Der Mieter (1976)

Roman Polanski – Der Mieter (1976)

Nach Ekel (1965) und Rosemaries Baby (1968) führt uns Roman Polanski mit Der Mieter (1976) – im Original „Le locataire“ – erneut in die eigentlich vertraute und doch beklemmende Umgebung der eigenen Wohnung. Wieder erwartet den Zuschauer eine Mischung aus Wahnsinn, Grauen und die beängstigende Isolation einer Wohnung, die den Hauptprotagonisten vor eine schwere Prüfung stellt.

Im dritten Teil der sogenannten „Mieter-Trilogie“ führte Polanski nicht nur Regie, sondern agierte auch als Hauptdarsteller vor der Kamera. Kann der Film seine geistigen „Vorgänger“ übertreffen? Ich meine: Ja!

Imagination oder Wirklichkeit?

Der Mieter bei Amazon

Trelkovsky (Roman Polanski), dessen Vorname uns verborgen bleibt, ist ein ängstlicher und introvertierter Zeitgenosse. Gutbürgerlich, nett und unauffällig. Als er auf der Suche nach einer neuen Wohnung ein Pariser Mietshaus betritt, scheint er endlich fündig geworden zu sein. Die Wohnung ist klein, wenig einladend und die Toilette ist im Flur – und damit einige Meter von der Wohnung entfernt. Dass die vorherige Mieterin sich aus dem Fenster stürzte, ist zwar Grund für einen nachdenklichen Blick, doch steht die Wohnung und damit endlich eine dauerhafte Bleibe im Vordergrund. Ein Gespräch mit dem Vermieter und das Glück scheint ihm wohlgesonnen: Trelkovsky bekommt die Wohnung.

Langsam jedoch, sehr bedächtig und in typischer Art und Weise, wie Polanski seine Protagonisten – und hier sich selbst – in Szene setzt, wirkt die Wohnung allmählich nicht mehr wie ein Glücksfall. Merkwürdige Ereignisse nehmen zu und es scheint, als haben sich die Nachbarn gegen Trelkovsky verschworen. Was zunächst mit einfachen Beschwerden beginnt, entwickelt sich zu einer lebensbedrohlichen Situation. Sind es die Nachbarn, die ihn ähnlich wie seine Vormieterin in den Wahnsinn treiben und damit sozusagen aus dem Fenster stürzen wollen, oder ist es der Verstand von Trelkovsky, der ihn den Bezug zur Realität verlieren lässt? Was langsam und behutsam beginnt, entwickelt sich zu einem wahren Albtraum!

der mieter roman polanski 1976 (c) Paramount Home Entertainment

Das blanke Grauen – kunstvoll und intelligent inszeniert

Roman Polanski spielt in Der Mieter nicht nur mit der Angst des ausgeliefert sein und sich der Schutzlosigkeit seiner eigenen Wohnung, seiner intimsten räumlichen Umgebung bewusst zu werden, sondern in Der Mieter ist auch der Verlust von Identität ein zentrales Element. Trelkovsky sieht sich Kräften von außerhalb ausgeliefert, die ihn in die gleiche Situation wie seine Vormieterin bringen wollen. Diesem Gedankenspiel bietet er Nährboden, wenn er sich in die Vormieterin hineinversetzt. Und dies nicht nur in Gedanken, sondern er beginnt sich auch physisch in seine Vormieterin zu verwandeln, wenn er die Kleidung von ihr trägt, die in der Wohnung zurückgelassen wurde – ja sogar eine weibliche Perücke kauft.

Während für Trelkovsky sich die Nachbarn – ähnlich wie bei Rosemaries Baby – gegen ihn verschworen zu haben scheinen, ist auch der Verstand von Trelkovsky ebenso mystisch und unheimlich. Es ist nicht ganz klar, besonders, wenn der Film sich dem Ende nähert, was Imagination und Wirklichkeit, was Wahrnehmung und die wirkliche Weltsicht von Trelkovsky ist. Sind wir Zeuge einer ausgewachsenen Psychose? Oder ist das Grauen wirklich in diesem unscheinbaren Mietshaus in Paris zugegen? Ein kluger Schachzug von Polanski, der dem Zuschauer einiges – wenn auch nicht so viel wie bei Ekel – abverlangt. Das stets zu hörende Tropfen des Wasserhahns in der Küche von Trelkovsky ist dabei nur eines der vielen kleinen Details, die auf den Zuschauer warten.

Der Mieter kann als eine „Mischung“ von Stilelementen aus Ekel und Rosemaries Baby angesehen werden. Während der Wahnsinn, der Verlust der Realität und Identität bei Ekel besonders thematisiert wird, sind es die Nachbarn, die in verschwörerischer und agitativer Weise bei Rosemaries Baby auf Rosemarie einwirken. Polanski spielt den neurotischen Eigenbrötler mit einer gewissen unnachahmlichen Art. Er wirkt bisweilen sehr unbeholfen, wehleidig und eigentlich möchte man ihn umarmen und von dem schlechten dieser Welt fernhalten. Die Entwicklung, die unser Protagonist nimmt, ist beeindruckend, weil glaubhaft und nahbar inszeniert und gespielt. Polanski hat ein absolutes Gespür dafür, wie ein ruhiger und zugleich aufbrausender Thriller funktioniert. Sozusagen mit „treibender Ruhe“ geht die Geschichte voran und lässt am Ende Raum für Spekulationen.

Trailer zu Der Mieter

Fazit:

Roman Polanski ist mit der Mieter ein Meisterwerk gelungen. Unumwunden würde ich den Film als einen der besten Psychothriller einordnen, die ich je gesehen habe. Sicherlich mag meine Lobeshymne auch vor dem Hintergrund der beiden anderen – mehr als sehenswerten – Filme der Mieter-Trilogie gesehen werden, jedoch spricht der Film auch für sich selber. Der Wahn, der Verlust der eigenen Identität, ist selten kaum besser dargestellt worden. Der Mieter zeichnet das blanke Grauen, einen wahren Albtraum und offenbart uns, dass hinter Fassaden von Mietshäusern und ruhigen Durchschnittmenschen, Dinge lauern, die sich niemand vorstellen kann. Beklemmend, düster, fruchteinflößend und ruhig zugleich, das ist der Mieter. Eine unbedingte Empfehlung für alle, die vor außergewöhnlichen Psychothrillern nicht zurückschrecken! 4,5/5 Herausragend!

Filmkritik: Der Mieter (1976)
4.33 (86.67%) 12 votes

  • Hm, ich muss zugeben bis jetzt noch nichts von dem Film gehoert zu haben. Auf moviepilot.de habe ich allerdings eine Vorhersage von 8.0. Vorgemerkt!

    • Die ganze „Mieter-Trilogie“ (Artikel folgt noch) ist toll. Sicherlich nicht der Geschmack von jedem, aber ich fand die Filme sehr unterhaltsam. Sind Filme, die sich ganz, ganz langsam steigern.

      Du kannst mich ja gerne mal bei Moviepilot adden :)

      • Habe bis jetzt nur Rosemaries Baby gesehen, den fand ich aber ziemlich gut. Von daher bin ich guter Dinge :)

        Anfrage ist raus!

  • Pingback: Die Mieter-Trilogie von Roman Polanski | Filmblog filmverliebt()