„Systemsprenger“ (2019): Kritik zur deutschen Bewerbung um den Auslands-Oscar.

Philipp Schmidt 15. September 2019 0
„Systemsprenger“ (2019): Kritik zur deutschen Bewerbung um den Auslands-Oscar.

„Gehst du wieder zur Schule?“, fragt die Kinder-Psychiaterin. „Nö!“, antwortet Benni (Helena Zengel). Man wolle, sagt die Ärztin, die Dosierung der Medikamente nochmals erhöhen, um Bennis Wut besser in den Griff zu kriegen. Denn die Wut ist Bennis Problem. Ihre Mutter (Lisa Hagmeister) hat längst vor dieser Wut kapituliert, weshalb Benni sich in der Obhut der Behörden, der Institutionen und der Ärtze befindet – in der Obhut des „Systems“ also. Doch Benni ist ein „Systemsprenger“ – nirgends will sie recht reinpassen (schon ihr Name ist kein „normaler“ für Mädchen). Mit ihren Aggressionsausbrüchen verschleist sie Heimplätze und Erzieher, Schulen und Schulbegleiter wie „normale“ Kinder saubere Klamotten – bis Micha (Albrecht Schuch) auftaucht. Dieser Schulbegleiter findet einen Draht zu Benni – über seine eigene Wut. Auch er ist ein Seelenverletzter. Er nimmt sich des Mädchens an und bricht mit ihm aus dem „System“ aus. In der abgeschiedenen Zweisamkeit einer Hütte im Wald wird deutlich: Wonach sich Benni sehnt und was sie braucht, sind Zuwendung und die Geborgenheit einer intakten Familie. Das Problem: Micha hat schon eine Familie. Er kann und darf die Vaterrolle nur vorübergehend ausfüllen.

Regisseurin Nora Fingscheidt hat sechs Jahre lang an Systemsprenger, ihrem ersten Spielfilm, gearbeitet und intensiv recherchiert. Und das Debüt der 36-Jährigen sorgte international für Furore: Unter vielen Preisen, die Systemsprenger gewonnen hat, ist auch ein Silberner Bär der diesjährigen Berlinale (Alfred-Bauer-Preis für die „Eröffnung neuer Perspektiven der Filmkunst“). Bisheriger Höhepunkt: Systemsprenger wurde als deutscher Beitrag ins Rennen um den Auslandsoscar 2020 geschickt.

Im Interview erklärt Nora Fingscheidt ihre Sichtweise auf das Thema: „Meistens ist Agression von kleinen Kindern ein Hilfeschrei. Und meistens möchte das Kind sagen: Irgendwas in meiner Welt ist nicht in Ordnung.“ Sie erklärt auch, welche Reaktion auf solche Hilfeschreie sie sich wünschen würde: „[…] dann den Täter vielleicht mal zum Spielen einzuladen anstatt zu sagen: ‚Der muss raus aus der Klasse.'“ Man merkt ihrem Film diese Haltung an. Das „System“ zeigt sich in Systemsprenger meist strafend, versetzend, medikamentierend und letztlich hilflos.

Regisseurin und Drehbuchautorin Fingscheidt wirft aber einen differenzierten Blick auf mögliche Lösungen: Das bloße Raus aus dem „System“, wo man seine „Ruhe“ hat, wo Micha mit Benni zwar am Lagerfeuer sitzt und quasi Ferien auf dem Bauernhof mit ihr macht, ist hier kein Ausweg. Denn wenn Benni sich nachts unter seine Decke flüchten möchte, muss er sie grob zurückweisen.

Systemsprenger will uns sagen: Traumata fügen Kinderseelen tiefe Wunden zu. Sie suchen die kleinen Menschen immer wieder als Emotionen heim, die stärker als alles andere sind. Als Kleinkind wurden Benni zur Strafe ihre schmutzigen Windeln ins Gesicht gedrückt. Wird sie heute im Gesicht angefasst, brechen Angst und Wut über Benni und damit auch uns herein: als Sequenzen schlaglichtartiger Nahaufnahmen, greller Farben, und schmerzhaft lauter Schreie. Sie sind ein innovatives, sinnliches Stilmittel, das immer dann auftaucht, wenn Benni unkontrollierbar wütend und ängstlich ist. Wir spüren, wie ausgeliefert Benni ihren Emotionen ist und welche negative Kraft sie haben können.

Umgekehrt zeigt Systemsprenger mit demselben Stilmittel, welch lindernde, heilsame Wirkung Nähe und Geborgenheit haben. Wenn man sich um Benni kümmert, werden die Einstellungen länger, das Licht stärker und es wird leise. Dann sehen wir Nahaufnahmen der Haut in warmen Farben, hören liebevolles Flüstern wie am eigenen Ohr und glauben, ein altes Schlaflied („Weißt du, wie viel Sternlein stehen“) zu erahnen.

Diese Sequenzen und Bennis durchweg spannende Suche nach Frieden und Geborgenheit lassen über kleine Unglaubwürdigkeiten hinwegsehen: So wird Micha als brüllend-fluchender Kampfsportler mit Schrottkarre eingeführt. Da sind wir schon überrascht, dass er mit Frau und Kind in einer Neubausiedlung lebt. Ansonsten gibt es nicht viel zu bemängeln.

Die Kamera ist nah am Geschehen und widersetzt sich passenderweise perfekt gerahmten Bildern. Zusammen mit dem immer wieder schmerzhaft lauten Sound und der Alltags-Sprache der Figuren ergibt sich ein sehr authentischer Eindruck. Systemsprenger ist ein berührendes, aufwühlendes Psychodrama, das ganz um die herausragende Helena Zengel herum gebaut ist. Eine Freude, ihren erwachsen-abgeklärten Blick aus tiefblauen Kinderaugen (siehe Beitragsbild oben) zu erwidern. Man ist hin und her gerissen zwischen Mitleid für ihre Verlassenheit und Bewunderung für ihre Verachtung aller Autoritäten. Nora Fingscheidt ist ein kraftvolles, grell-rosanes Statement gegen die Konformisierung „schwieriger“ Kinder gelungen: Wenn ein verletztes Kind mit seiner Wut ein System sprengen kann, ist nicht das Kind das Problem, sondern das System. Anschauen (und bis zum Abspann sitzen bleiben)!

Systemsprenger läuft ab dem 19. September 2019 in den deutschen Kinos.

Beitragsbild (c) Kineo Film. Video (c) Port au Prince Film.

„Systemsprenger“ (2019): Kritik zur deutschen Bewerbung um den Auslands-Oscar.

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